New York, New York

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Die Polenta

mit Butternusskürbis und Gemüse, die ich mit einer silbernen Lufthansa-Gabel aus der heißen Aluminiumschale auf meinem Klapptisch elf Kilometer über dem Atlantik esse

Der Bauarbeiter

mit silbernem Helm, hängender Hose und breitschaukelndem Gang, der sich um 9 Uhr morgens bei einem bunten Straßenverkaufswagen einen Hotdog holt und schon beim nächsten Schritt die Hälfte abgebissen hat

Die Touristin

die mit einem Regenschirm, auf dem das Streckennetz der New York Subway abgebildet ist, ihr Handy schützt, das die Straßen von New York anzeigt, während sie unser Pret-a-Manger-Fenster von links nach rechts passiert und kurz darauf noch einmal von rechts nach links

Die Müllbeutel

die sich die Mitarbeiter der Sugar Factory um die Füße gebunden haben, um während der Sturzflut das Wasser aus dem Keller in Eimern auf die Straße zu tragen und dort in den reißenden Straßenfluss zu schütten

Das Foyer

des Empire State Buildings mit dem komplett leeren Besucherleitsystem, vor dem uns ein Mitarbeiter erklärt, dass man bei diesem Wetter oben nur weißen Nebel sehe, der Eintritt aber trotzdem wie immer 34 Dollar koste

Der Postkartenständer

mit den Flaggen aller Mitgliedsstaaten im Gebäude der Vereinten Nationen, bei dem die Karten von Deutschland, Frankreich und den USA ausverkauft sind, die von Kirgisistan und der Türkei dagegen noch reichlich vorhanden

Das Loch

des 9/11-Memorials, schwarz und quadratisch, in das von allen vier Seiten Wasser fällt und dessen Boden man vom Rand, auf dem die Namen der Verstorbenen stehen, nicht sehen kann

Der Flachbildfernseher

im Hotelzimmer, auf dem wir immer wieder bei der Sendung „My 600-lb Life“ auf TLC hängenbleiben, in der 300-Kilo-Amerikaner gezeigt werden, die mehr wie Fleischberge mit Kopf und bunter Decke aussehen als Menschen

Die Holzzylinder

auf Stelzen, die in Manhattan auf jedem Feuerleiterbacksteingebäude stehen und die wohl kleine Wassertürme sind

Das Schild

im dritten Stock des New Museum of Contemporary Art mit dem Zitat der italienischen Künstlerin Carol Rama, sie male vor allem, um sich selbst zu heilen, in einer Welt, in der man permanent grenzenlosem Verlangen ausgesetzt ist und geohrfeigt wird, wenn man deshalb 32 Gläser Marmelade isst, was sie dann nicht zu tun brauche, wenn sie ein Blatt Papier habe und male, ein Zitat, das mich so viel mehr berührt hat als jedes ihrer Bilder, weil ich das mit dem Verlangen gut verstehen kann, und das mit dem Blatt Papier

Die Sweet Potato Soup

die nach einer Toscana-Gemüse-Suppe und einer Chicken-Couscous-Suppe schon meine dritte Suppe in New York ist, weil eine Suppe einfach eine kleine Schüssel voll warmem Glück ist und man das Glück restlos auslöffeln kann

Die Tüte

in die die Kassiererin die Flasche Wasser steckt, weil wir zu müde sind, um zu sagen: „We don’t need a bag“, und weil sie beim letzten Mal wohl verstanden hat: „We don’t need it back“, woraufhin sie uns kein Wechselgeld rausgab, und unsere Gesichter, als sie noch eine weitere Tüte rausholt, um dort die Süßigkeiten hineinzutun

Die Sonnenflecken

auf den Hochhausfassaden an der 7th Avenue, die sich freundlich bei den reflektierenden Fenstern gegenüber bedanken

Der Seidenmantel

mit dem roten Herz hinten drauf, den das Aktmodell auf dem Podest der Society of Illustrators bei der Sketch Night öffnet und erst von den runden Schultern und dann von einem ausladenden Gesäß gleiten lässt

Das Baguette

das der dunkle Mann, noch eingeschweißt, aus einem der schwarzen Müllsäcke zieht, die sich abends auf der Straße vor Paris Baguette zu einem so großen Berg auftürmen, dass sie fast eine ganze Spur belegen

Die Dose

Tomatensuppe von Campbell’s, die ich dank Andy Warhol aus so vielen Museen kenne und die man hier einfach im Supermarkt für einen Dollar nochwas kaufen kann

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Urbane Inspiration zu den Wortfotos: Peter K. Wehrli, dessen Schreibtechnik ich in einem Interview mit dem Dichter Simon Márton vorgestellt habe

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