Wie man mit Worten fotografiert – ein Interview mit Simon Márton

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Als ich vor kurzem in Budapest war, entdeckte ich das Buch Polaroidok von Simon Márton1. Kurze Verse, versehen mit Nummern, manchmal nur ein kleiner Abschnitt pro Seite – sprich: eine hochinteressante Schreibweise! Da gab es nur ein kleines Problem: Ich kann kein Ungarisch, wollte aber unbedingt mehr über diese Form und das Buch wissen. Also habe ich Márton einfach gefragt.

Polaroidok

Hallo Márton, dein Buch heißt Polaroids und enthält Kurzpoesie. Bezieht sich der Titel auf die Form, ist das quasi Sofortbild-Fotografie mit Worten?

Márton: Ja, ich denke, das kann man so sagen. Die Idee war ursprünglich eine Mischung aus a) der Herangehensweise des klassischen japanischen Haiku2, das immer etwas mit dem Eindruck des gerade Erlebten zu tun hat, und b) der Ästhetik von Polaroids, die durch den fragmentarischen Bildausschnitt, verzerrte Farben und einen beschränkten Blickwinkel zustande kommt. Diese beiden völlig unterschiedlichen (und in gewisser Hinsicht dann doch wieder sehr ähnlichen) Arten, die Dinge zu beschreiben bzw. zu zeigen, waren für mich die wesentlichen Beweggründe, aber da die kurzen Texte mit Haiku nicht mehr viel zu tun haben, beschloss ich, sie nach letzterem zu benennen.

Als ich zum ersten Mal die ungewöhnliche Schreibform in deinem Buch sah, erinnerte mich das an Peter K. Wehrli, einen Schriftsteller aus der Schweiz, der sich 1968 auf eine Reise mit dem Orient-Express begab und merkte, dass er seine Kamera vergessen hatte. Zunächst ärgerte er sich natürlich darüber, aber dann hatte er die Idee, Fotos mit Worten statt mit dem Fotoapparat zu machen, und alles, was er normalerweise fotografiert hätte, mit einem kurzen Absatz ohne Prädikat zu beschreiben und diesen mit einer Nummer zu versehen.

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Peter K. Wehrli: Katalog von Allem, S. 13

Wie kamst du auf die Idee für deine ungewöhnliche Schreibform?

Wie schade, dass ich nicht schon früher von Wehrlis Buch gehört habe – ich würde es wirklich gerne lesen und schauen, wie er diese Problematik umgesetzt hat.

Das Schreiben von „Kurzgedichten“ interessiert mich, seit ich Japanische Sprache und Kultur studiert habe und mir der Unterschied zwischen der heute verbreiteten Vorstellung von einem Haiku und der Komplexität des ursprünglichen Konzepts bewusst wurde – man denke nur an Kigo, Kireji, Haibun, Haiga usw. Im klassischen Haiku gab es immer ein unsichtbares Element, das man erkennen und verstehen muss, um die gesamte Bedeutung zu erfassen. Mich interessierte genau diese Wirkung von Gedichten, und ich dachte über die Möglichkeiten nach, selbst so etwas zu schreiben: das Fragment von etwas, dessen Bedeutung jeder Leser selbst erschaffen muss. Das Schwierigste daran war, Klischees zu vermeiden und nicht in diese typische „Suche nach dem Offensichtlichen, das man nur noch nicht entdeckt hat“ hineinzurutschen.

Wehrli nummeriert seine Absätze fortlaufend und nennt das Ganze Katalog von Allem3. Die Zahlen vor deinen Kurzgedichten scheinen dagegen keine Reihenfolge oder Vollständigkeit zu haben. Was haben diese Nummern zu bedeuten?

Als ich damit begann, diese Kurzgedichte zu schreiben, war von vornherein klar, dass ich ihnen keine Titel geben konnte (manche bestehen ja nur aus einem oder zwei Wörtern – man kann einem Wort doch keinen Titel geben …). Die Nummerierung schien dafür eine gute Lösung zu sein, vor allem, weil sie dem Ganzen die Form eines Katalogs gab (da hatten Wehrli und ich wohl dieselbe Idee :).

Am Anfang kennzeichneten die Nummern also die Reihenfolge, in der die Gedichte geschrieben wurden. Doch als ich dann einige davon in Literaturzeitschriften veröffentlichen wollte, merkte ich, dass die Zahlen eben nicht mehr als diese Reihenfolge bedeuteten und dass beim Mischen der Verse jedes Mal neue Bedeutungen herauskamen, also beschloss ich, „mitzuziehen“ und für jede Veröffentlichung eine andere Zusammenstellung zu wählen.

So machte ich es dann auch bei Polaroidok. Diese „Unordnung“ der Zahlen war für mich wie der Hinweis auf eine auseinandergebrochene Reihenfolge – und das Buch ein Versuch, das Geschehene zu reorganisieren und in einer neuen, anderen Reihenfolge zu verstehen. (Ich glaube, unser Gedächtnis funktioniert oft ganz ähnlich – deswegen gibt es im Buch auch eine Anspielung auf Otomo Katsuhiros Film Memories.)

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Simon Márton: Polaroidok, S. 80-81

Als das Buch entstand, beschäftigte ich mich gerade viel mit der japanischen Numerologie – obwohl ich überhaupt nicht an mystische oder spirituelle Sachen glaube, aber ich wusste nicht, wie das Buch enden sollte, wie viele Kurzgedichte ich hineinnehmen sollte usw. Deshalb sind es jetzt 533, weil die 5 und die 3 in Japan Glückszahlen sind. Aber das war wirklich nur „einfach so“, ich glaube da immer noch nicht dran, ich war nur auf der Suche nach Inspiration und habe sie schließlich da gefunden, wo ich sie nicht vermutet hätte.

Könnte jedes Kurzgedicht auch für sich alleine stehen oder handelt es sich mehr um zusammenhängende Kapitel eines Buches, das von vorne bis hinten gelesen werden sollte?

Das ist unterschiedlich. Also es gibt für sich stehende Einzeiler, es gibt Seiten, die praktisch ein komplettes Gedicht sind, und es gibt Abschnitte, die meiner Meinung nach zusammengehören. Als ich sie für das Buch auswählte und zusammenstellte, gefiel mir der Gedanke, die Grenzen ein bisschen unscharf zu lassen. Natürlich hat das Buch als Ganzes eine bestimmte Struktur, man könnte es sogar in Kapitel einteilen, wenn man wollte, aber ich dachte eher: Warum nicht diese Entscheidung den Lesern überlassen, mal sehen, was sie denken.

Ich kann kein Ungarisch, aber ich habe Wörter entdeckt wie „IKEA“, „Hello Kitty“, „Grapefruit“ oder „Marlboro“4. Geht es in deinem Buch um alltägliche Dinge?

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Simon Márton, Polaroidok, S. 10

Ja genau, im Grunde ist es eine Sammlung von alltäglichen Momenten und Sätzen (obwohl es wohl vor allem die skurrilen sind). Es gibt Anspielungen auf die Popkultur, auf die ungarische und die japanische Kultur und auf Literatur, Filme und Musik. Ich wollte etwas „Intermediales“ erschaffen – etwas, das als Buch funktioniert, aber gleichzeitig die Grenzen des Lesens überschreitet. (Es gibt sogar einen Youtube-Link, der extra so umgebrochen ist, dass er auf ersten Blick wie ein Haiku aussieht …)

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Simon Márton: Polaroidok, S. 65

Polaroidok wurde 2013 in Ungarn veröffentlicht. Wird es eine deutsche Übersetzung geben?

Es gibt bereits einen kleinen Auszug, der von der deutsch-ungarischen Übersetzerin Ágnes Relle übersetzt wurde, aber ich befürchte, das war’s dann erstmal. Es wäre großartig, wenn das Buch in Deutschland veröffentlicht würde und ich wäre sehr gespannt auf die Reaktionen, aber ich weiß auch, wie schwierig es ist, ausländische Lyrik zu veröffentlichen – deswegen gehe ich nicht davon aus.

In einer E-Mail hast du mir bereits geschrieben, du befürchtest, dass viele dieser Kurzgedichte wegen der Anspielungen und Doppeldeutigkeiten im Ungarischen praktisch unübersetzbar sind. Könntest du ein Beispiel geben und es uns, die wir Ungarisch nicht verstehen, erklären?

Inzwischen habe ich den übersetzten Auszug ein paar deutschen Freunden gezeigt, und die fanden ihn durchaus verständlich und unterhaltsam … Also habe ich mich da vielleicht geirrt.

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Simon Márton: Polaroidok, S. 16-17

Aber hier ein Beispiel: Das Kurzgedicht „Málnás depresszió“ wurde wörtlich mit „Himbeerdepression“ übersetzt. Aber auf Ungarisch schwingt gleichzeitig das ähnlich klingende „mániás depresszió“ („manische Depression“) mit, was ich schon auch wichtig finde. Aber wie gesagt, jetzt habe ich gerade erfahren, dass die Texte – auch wenn vielleicht manch eine Anspielung oder zusätzliche kleine Bedeutung verloren geht – auch so funktionieren würden. Ich kann das wirklich nicht einschätzen, aber jetzt hat es mich umso neugieriger gemacht.

Und uns erst! Márton, vielen Dank für dieses Interview.

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1. Im Ungarischen schreibt man zuerst den Nachnamen, dann den Vornamen. Diese Schreibweise habe ich hier übernommen.

2. Mehr zum Thema „Haiku“ findet ihr im Beitrag „Kurz und gut“

3. Peter K. Wehrli: Katalog von Allem. 1111 Nummern aus 31 Jahren; btb, München, 2000.

4. Simon Márton: Polaroidok; Libri, Budapest, 2013, S. 10, 25, 64 und 82.

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4 Antworten auf „Wie man mit Worten fotografiert – ein Interview mit Simon Márton“

  1. Ein wunderschöner Einblick in eine andere Form der Poesie. Das mit den Nummern und dem Durchmischen gefällt mir auch sehr gut (hier spricht der Mathematiker ;-)). Und die Variante von Wehrli, nur mit Worten und Satzfragmenten eine Reise zu dokumentieren bzw. zu fotografieren. Klasse, das sollte man mal ausprobieren! :-)

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