„Das ist halt ’ne Boulette“ – Interview mit Sarah über das Berlinerische

Die Reihe „Dolle Dialekte“ geht in die zweite Runde. Diesmal: Berlinerisch. Um mit Sarah über unseren gemeinsamen Heimatdialekt zu sprechen, habe ich mich mit ihr in der Wuppertaler Mensa getroffen. Lag es an der kulinarischen Umgebung, dass wir so schnell bei Wörtern wie „Boulette“ und „Kartoffelpuffer“ landeten?

Wie lange lebst du schon hier in der Gegend?

Seit 2008. Ich bin zum Master-Studium nach Düsseldorf gezogen. Inzwischen wohne ich im Bergischen Land, in Kürten.

Wo genau kommst du her?

Ich komme ursprünglich aus Berlin. Im Speckgürtel geboren, aufgewachsen dann in Marzahn. Studiert habe ich in Potsdam und danach bin ich wieder in den Speckgürtel gezogen.

Marzahn … war das im Osten?

Ja genau. Das war die Platte, also das Hipster-Viertel Ende der 80er Jahre, wo alle Familien hinziehen wollten. Da war es grün und es gab große Wohnungen, total schick, mit gefliestem Bad und S-Bahn-Anbindung.

Deswegen hattest du auch noch mehr Dialekt, oder? Ich glaube, im Westen war er verpönt …

… und wir Ossis hatten den ein bisschen mehr, das stimmt.

Und dann kamst du nach Düsseldorf. Wurdest du auf deinen Dialekt angesprochen?

Ja, das kam relativ schnell. Wir waren ja im Studiengang nur acht Leute und ich war die Einzige aus dem Raum Berlin. Die meisten waren aus NRW oder haben schon länger hier gewohnt. Und worüber die sich immer lustig gemacht haben, war das „Schwümmen“, also dass das „i“ wie ein „ü“ klingt.

Wie bei „Mülch“!

Genau. Und dann dieses ganze Abkürzen: „kommste“, „haste“, „willste“ – das war für meine Kommilitonen auch ungewöhnlich. „Haste mal“, „kommste mal“, „kannste mal“ – das kannten die nicht. Also, man verstand zwar, was ich damit sagen wollte. Aber es war eine unbekannte Konstruktion.

Und was haben deine Kommilitonen dann zu dir gesagt? Haben sie dich darauf hingewiesen?

Nee, sie haben eher gefragt: „Wo kommst denn du her?“. Sie haben gemerkt, dass der Dialekt nicht aus ihrer Ecke ist, aber sie konnten ihn auch nicht zuordnen. Ich glaube, sie haben vom Berlinern so ein Bild gehabt, dass man dann die ganze Zeit „icke“ sagt. Und ich habe nicht „icke“ gesagt.

Ich auch nicht. Komischerweise, denn ich habe sehr stark berlinert.

Ich glaube, „hab ick“ hat man schon eher gesagt, so kurze Sachen. Aber wenn man den Satz damit beginnt, dann können auch Berliner „ich“ sagen. Was auch noch auffiel, war diese „en“-Endung, die man hinten bei den Verben nicht mitspricht. „Schwimm-en“, das würde kein Berliner sagen, sondern „schwümm“. Da wird aus den zwei „m“ und dem „n“ ein Laut. Dieses Zusammenziehen, das war wohl sehr markant.

Hast du auch diese typischen Wendungen benutzt wie „dreiviertel zwei“?

Nee, was das betrifft, habe ich mir relativ früh die westliche Zeitangabe angewöhnt. Ich habe ganz selten „dreiviertel“ gesagt. Also ich versteh das auch und habe damit keine Probleme, aber ich habe schon in der Schule immer „viertel vor“ gesagt.

Heute hört man dir den Berliner Dialekt kaum noch an …

Nee, man hört’s nicht mehr. Aber ich habe auch damals schon nicht mehr so doll berlinert. Das waren eher einzelne Lautgruppen oder Wörter, die sie in Düsseldorf eben anders sagen.

Gibt es Wörter, die andere nicht verstanden haben? Wie „Kaufhalle“?

Ja klar, „Plaste“, „Kaufhalle“ … oder „Schlüppi“.

„Schlüppi“? Zu wem hast du denn „Schlüppi“ gesagt?

Das kam jetzt erst mit den Kindern, im Kindergarten zu den Erziehern: „Sind noch genug Schlüppis da?“. Da gucken die einen an: „Was sind denn Schlüppis“? Dann sagt man: „Schlüpfer“, und die gucken einen immer noch an. Und dann denkste: „Wie, Schlüpfer versteht ihr auch nicht? Ja, Unterhosen!“ Ich weiß auch nicht, ich dachte immer, „Schlüpfer“ ist doch eigentlich schon verständlich.

Ansonsten ist „Pfannkuchen – Eierkuchen – Berliner“ für mich so der Klassiker. Wenn ich sage: „Wir haben Eierkuchen gegessen“, gucken die Leute immer noch und wissen nicht, was ich meine. Auch die, die mich jetzt schon seit zehn Jahren hier kennen. Für die sind das Pfannkuchen. Und wenn ich sage: „Bring mal Pfannkuchen mit“, und damit die runden Dinger vom Bäcker mit Marmelade drin meine, denken die sich: „Hä, wo soll ich denn jetzt einen Pfannkuchen herbraten?“

Das heißt, du hast dich hier nicht angepasst, sondern sagst immer noch deine Wörter?

Genau. Nee, da bin ich ganz konsequent, die benutze ich immer noch so, wie man sie in Berlin sagt.

Ist ja auch bescheuert, einen „Berliner“ zu bestellen, wenn man Berliner ist.

Ich sag zum Beispiel auch nie „Frikadelle“ – das ist auch so etwas, was ich nicht über die Lippen bringe. Das ist halt ’ne „Boulette“, egal wie groß oder platt die ist.

Das ist bei mir auch noch so. Und ich finde, es gibt kein anderes gutes Wort für „Broiler“.

Stimmt.

Ein Broiler ist ein Broiler. „Brathähnchen“ trifft es irgendwie nicht.

Ja, genau. Und ich sag auch noch „Kartoffelpuffer“ und nicht „Reibekuchen“.

Stimmt, das habe ich jetzt gerade wieder auf der Kirmes erlebt: Man bestellt „Reibekuchen“, aber man denkt: „Kartoffelpuffer“.

Aber das sind eher so Lehnwörter, die man mitbringt, als dass es ein Dialekt ist, den man irgendwie aufrechterhält.

Im Endeffekt redest du also durch das Studium und den Ortswechsel mehr Hochdeutsch, streust aber ab und zu noch deine Berliner Wörter ein?

Ja, so kann man das beschreiben. Man verwendet eben einfach die Wörter, die man schon immer benutzt hat. Und hier werden dann andere Wörter benutzt, die man aber gar nicht auf dem Schirm hat. Also Wörter wie „Eierkuchen“ sind ja total natürlich für einen, von denen weiß man erst mal gar nicht, dass hier andere Wörter dafür existieren. Also benutzt man die einfach weiter, bis man irgendwann mal merkt, dass das Gegenüber einen nicht versteht oder das nur schwer zuordnen kann.

In der Kita hier haben die zum Beispiel „Fasching“ nicht verstanden: „Wann geht denn eure Faschingsfeier los?“ – „Äh, Faschingsfeier?“ – „Na hier, euer Karneval-Gedöns …“ – „Ach so, Karneval!“ Das sind Sachen, die einem nicht so präsent sind. Wenn man einmal darüber gesprochen hat, dass das „Karneval“ heißt, dann sage ich auch weiter „Karneval“, damit mein Gegenüber mich versteht. Aber ich würde nie so weit gehen und mich da anpassen und die Wörter von hier benutzen. Wenn der Impuls von mir kommt, benutze ich das Wort aus der Berliner Region.

Ich sage auch immer noch „Wir fahren auf den Rummel“, wenn ich mit meiner Tochter auf die Kirmes fahre. Das ist eine „Kirmes“, wenn ich mit Leuten von hier rede, aber bei meiner Tochter ist das ein „Rummel“.

Und wenn beim Bäcker „Berliner“ auf dem Schild steht, bestellst du dann „Berliner“ oder „Pfannkuchen“?

„Pfannkuchen“. Das ist einfach ein Reflex, das krieg ich nicht angepasst. Wenn ich vorher auf das Schild gucke, um zu sehen, wie teuer der ist, dann wird es mir bewusst, dass das anders heißt. Wenn ich aber reingehe und nicht auf die Schildchen achte, rutscht es mir einfach raus: „Ich brauch jetzt mal drei Pfannkuchen.“

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Dolle Dialekte Teil 1: „Ich hatte das schwäbischste Schwäbisch von allen“ – Interview mit Kerstin

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