The Student Hotel – Design und Studentenfeeling in ehemaliger Keramik-Fabrik

Im The Student Hotel Maastricht wohnen Studenten und Hotelgäste unter einem Dach. Und das ist nicht das Einzige, was hier besonders ist.

Schon das Einchecken ist irgendwie anders: Statt hinter einer Rezeption sitzen die jungen Leute vom Empfang an einem großen, runden Tisch. „Sit down or dance with us“, steht auf einem Leuchtkasten. Kurz den Namen sagen, dann habe ich auch schon die Schlüsselkarte in der Hand.

Ein Wunderland aus Spaß und Design

Doch bevor es in den Aufzug geht, komme ich aus dem Staunen schon nicht mehr heraus. Zu tief stecke ich bereits in diesem Wunderland aus Spaß und Design. Eine kleine Bar, ein Kaugummiautomat, eine Tischtennisplatte, auf der Schläger und Ball nur darauf warten, gespielt zu werden. Ein Flügel zum spontanen Klavierspielen, eine Rutsche ins Untergeschoss, darüber ein Netz mit roten Kissen, in dem man liegen und sich durch TED-Talks inspirieren lassen kann, die auf den darüberhängenden Fernsehern laufen.

Überall Tische, Sofas, versteckte Ecken, manche hoch oben unter der Decke, nur über eine schmale Treppe zu erreichen. Sowieso, die Perspektive. Einfach mal auf einen dieser Tennis-Schiedsrichter-Hochstühle klettern. Von dort hat man gute Sicht auf Kicker und Billardtisch. Ganz hinten werfe ich noch einen Blick ins Fitnesscenter. Nix mit ollen Geräten, das muss schon instagramtauglich sein. Also Seile, Ringe, Hanteln und ein Mädel in bunter Leggins, die sich gerade in Squats übt und dabei aussieht, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.

Im Zimmer gibt es noch mehr zu entdecken

Oben im Zimmer dann: ein toller Ausblick über Maastricht und ’t Bassin, das alte Hafenbecken. Aber noch mehr gibt es drinnen zu entdecken. „May the student in you live forever“, begrüßt eine knallgelbe Postkarte, daneben – gut, vielleicht etwas Klischee, aber trotzdem witzig – liegt ein Kondom.

Im Regal eine vasengroße Sanduhr, 90 Minuten, steht auf dem Zettelchen daran, um die Welt zu ändern, zusammen mit einigen Vorschlägen: eine Revolution starten, einen Roman schreiben, Kunst machen. Das motiviert, man fühlt sich wieder als Student, der keinen Druck hat, ein Business zum Laufen zu bringen, sondern einfach nur seinen Neigungen folgt.

Im Badezimmer der Hinweis, das Zimmer werde nur alle zwei Tage gereinigt, wegen der Umwelt. Nachdem ich Hotels erlebt habe, in denen nicht nur alle Handtücher täglich komplett ausgetauscht werden, sondern sogar das einmal für die Hände benutzte Seifenstück, kann ich dieses Konzept nur unterstützen. Auch auf die Mini-Kosmetika, die mehr aus Plastik als aus Inhalt bestehen, verzichtet das Student Hotel, dafür gibt’s die großen Spender „Shower Power“ (Duschgel) und „Dirty Harry“ (Shampoo).

Für all die tollen Sprüche und Kärtchen hat das Student Hotel eine eigene Designabteilung, erfahre ich später. Für Liebhaber von solch witzigen Worten gibt es eine Menge zu entdecken: „Write here, write now“ steht auf dem obligatorischen Bleistift, „Issues“ auf dem Taschentuch-/Tissue-Spender. Auch die Hausregeln sind charmant verpackt, wie die zum Klavierspielen: „As a child, Beethoven played too much piano after 12 o’clock at night. And therefor he became deaf. So for the safety of your own ears (and ours) no piano after 12 o’clock.”

Ursprünglich ging es nur um ein Studenten-Wohnheim

Aber was hat dieses Hotel jetzt mit Studenten zu tun? Dem Namen nach hatte ich etwas Schäbigeres erwartet. Ein Hotel für Studenten eben, sprich: billig und ohne Anspruch. Na ja, Mäuse im Zimmer wie in London müssen nicht nochmal sein, aber ansonsten? Nutzt man das Zimmer ja eh nur zum Schlafen. Weit gefehlt. Auf dem riesigen Doppelbett kann man auch wunderbar lesen. Zum Beispiel im hauseigenen Couchtisch-Buch, das die Geschichte hinter den Student Hotels erzählt: Ursprünglich träumte der junge Unternehmer Charlie MacGregor von einem Studentenwohnheim, das nicht ohne Ende abgewrackt ist. Er selbst mochte Design und eine schöne Umgebung. Und er glaubte daran, dass es auch anderen jungen Leuten so geht – und dass diese durchaus bereit sind, etwas mehr dafür zu zahlen. Das war 2004 in Amsterdam.

Nun gab es da allerdings diese Auflagen in den Niederlanden. Ein Studentenzimmer musste mindestens 28 Quadratmeter groß sein und durfte nicht mehr als 300 Euro kosten. Vermietet wurden die Zimmer vom Sektor für sozialen Wohnungsbau. Und die Investoren waren auch nicht gerade begeistert – schließlich hätten sie selbst als Studenten auch in einem Loch gehaust und es habe ihnen nicht geschadet.

Dann halt Belgien. 2008, als immer mehr junge Leute studieren wollen, eröffnet Charlie sein erstes Wohnheim in Lüttich. Dabei steht für ihn von Anfang an fest, dass es auch darum geht, sich um die Studenten zu kümmern. Sie sollen eine gute Zeit in einem der schönsten Wohnheime überhaupt verbringen. Dann würden die Niederländer schon sehen, was sie verpassen. Das Konzept geht auf. Es gibt sogar Studenten, die ihre alten Verträge kündigen, um in das neue Wohnheim zu ziehen.

Die Idee von Studenten und Hotelgästen unter einem Dach ist geboren

Als Charlie das Eröffnungsvideo mit einem befreundeten Anwalt schaut, fällt diesem auf: „Das sieht ja aus, als würden deine Studenten einchecken …“ Mh. Wie lauten denn die Auflagen für Hotels? Wären da kleinere Zimmer möglich? Und bämm – die Idee von einer stylishen Unterkunft, in der Studenten und Gäste unter einem Dach wohnen und sich an der Bar und beim Kickern durchmischen, ist geboren. So könnten auch die Eltern bei einem Besuch im Wohnheim wohnen. Oder Professoren oder Young Professionals, einfach alle, die Lust auf ein bisschen Studentenfeeling haben.

Das neue Konzept überzeugt dann auch die Banken. Inzwischen gibt es elf Student Hotels, vor allem in den Niederlanden (u. a. in Amsterdam, Eindhoven, Den Haag und Maastricht), aber auch in Barcelona, Florenz und Dresden.

Das Hotel war mal eine alte Keramik-Fabrik

Das Hotel in Maastricht hat noch ein zusätzliches Design-Ass im Ärmel: Das Gebäude war mal eine alte Sphinx-Fabrik, in der Waschbecken und Kloschüsseln hergestellt wurden. In der überdachten Sphinx-Passage, die zwischen dem Hotel und dem angrenzenden Kino liegt, erzählen Infotexte auf bunten Kacheln von der Geschichte des Hauses. Aber auch im Foyer finden sich wie mit Edding bemalte Waschbecken im Bücherregal und kleine Keramikbilder hier und da an den Betonsäulen.

Fahrräder kann man sich natürlich auch ausleihen, ach, es gäbe noch so viel zu entdecken! Deshalb frage ich vor der Abreise mal vorsichtig nach – 800 € kostet das Wunderland im Monat für Studenten, bis zu einem Jahr darf man bleiben. Halleluja, denke ich, atme noch einmal tief den hauseigenen Lobby-Parfüm-Duft ein und schnappe mir meinen Koffer. Auf dem Rückweg überlege ich: In welchem Student Hotel checke ich denn mal als nächstes ein, Paris oder Groningen?

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