Die große Bibtour – Hinter den Kulissen der Zentralbibliothek Düsseldorf

Seit ich nicht mehr studiere und täglich in der Nähe der Uni-Bibliothek bin, ist die Zentralbibliothek am Hauptbahnhof mein Anlaufpunkt geworden, wenn es um das Recherchieren von neuen Themen oder einfach ums Schnökern und um Inspiration geht. Meine Lieblingsbib hat die neuesten Bücher, sehr gute Filme und schafft es immer wieder, mich zu überraschen. Zum Beispiel letzten Mittwoch, mit der großen Bibtour.

„… einen Blick hinter die Kulissen. Die Führung startet um 17 Uhr“, höre ich die Durchsage um kurz vor fünf, als ich gerade am Tisch mit den Neuerscheinungen stehe. Also schließe ich mich einfach an, ganz spontan und unkompliziert. Jeden ersten Mittwoch im Monat bietet die Bibliothek den Rundgang an, erfahre ich von Maike Lins, die Interessierte wie mich eine gute Stunde lang durch bekannte und unbekannte Räume führen und alles beantworten wird, was ich schon immer mal über meine Bib wissen wollte.

Zeitschriften und Zeitungen aus aller Welt

Dass man im Lesefenster gemütlich Zeitung lesen kann, habe ich bereits gewusst. Aber wie groß die Auswahl tatsächlich ist, konnte ich nicht ahnen: Neben den aktuellen Tageszeitungen aus Düsseldorf und der ganzen Welt gibt es an zwei Rechnern auch eine riesige digitale Auswahl an Zeitungen und Magazinen – von der Zeit über die Bunte und Brigitte bis hin zu Fachzeitschriften. Aus Deutschland, aber auch aus den USA oder Afrika.

Und wer eine Süddeutsche vom Dezember letzten Jahres braucht, kann sich die aus dem Magazin hochholen lassen. Das Magazin ist ein Lagerraum im Keller der Bibliothek, aus dem die Mitarbeiter einem Bücher bringen können. Sie verschwinden dann hinter einer Tür – und zu gerne würde man da auch mal mitgehen. Deshalb bin ich ein bisschen aufgeregt, als wir nun selbst die Treppen ins Untergeschoss hinabsteigen dürfen.

Im Magazin lagern Bücher, DVDs und Weihnachtskugeln

Im Magazin lagert alles, was oben gerade nicht gebraucht wird. Deko beispielsweise: Tannenzweige und Weihnachtskugeln müssen jetzt wieder ein Jahr auf ihren Einsatz warten. Daneben stehen Aufsteller und Regalteile für die Thementische, die sich die Mitarbeiter zum Tod bedeutender Schriftsteller oder zu fröhlicheren Anlässen wie Karneval einfallen lassen.

Den Hauptteil des Magazins nehmen jedoch die zahlreichen Regale mit DVDs, Büchern und Zeitschriften ein. Das sind solche coolen Rollregale, die sich mit einem Drehrad zur Seite kurbeln lassen. Damit viele Regale auf wenig Raum passen. Hier stehen Film-Klassiker, von denen der Übersicht halber nicht alle fünf Exemplare oben in der Auslage stehen, und Bücher, die zwar wichtig, aber nicht gerade der Ausleih-Hit sind.

„Wie kommt es denn eigentlich“, frage ich, „dass die Bibliothek immer die neuesten Bücher da hat?“ „Es gibt Listen“, antwortet Lins, die neben den digitalen Kundenservices auch für den Bereich Geschichte zuständig ist. Mit diesen Empfehlungen können die Lektoren für ihre jeweiligen Bereiche entscheiden, welche Bücher angeschafft werden sollen. Besuchervorschläge spielen natürlich auch eine wichtige Rolle. Aussortiert und an soziale Einrichtungen gespendet werden dafür Bücher, die veraltet sind oder sehr lange nicht ausgeliehen wurden.

Was ich noch gar nicht kannte: die Medienboxen. Das sind blaue Plastikkisten, randvoll mit Büchern, CDs und Requisiten zu bestimmten Themen. So kann sich die Grundschullehrerin zum Beispiel die Box „Unterwasserwelt“ ausleihen, wenn sie eine Unterrichtsstunde zu diesem Thema plant. Und der Pfleger kann mit einer 70er-Jahre-Box Demenzkranken helfen, Erinnerungen an diese Zeit wieder aufleben zu lassen. Mit großen Brillen und Original-Musik.

Im Untergeschoss ein musikalisches Geheimnis

Doch das heimliche Highlight des Kellers ist ein Regal ganz hinten an der Wand. Tausende von Schallplatten stehen hier, unsortiert und nicht mit dem modernen System katalogisiert, sondern noch mit der alten, schreibmaschinengetippten Karteikarte. Und einem Aufkleber: „Bitte nicht naß abspielen!“ Was bitte? „Für einen besseren Sound benutzen manche eine Flüssigkeit und spielen ihre Platten ‚nass‘ ab“, erklärt mir ein anderer Teilnehmer. Wieder was gelernt. Ab und zu stöbern die Bib-Mitarbeiter in diesem Schatz herum, aber das war’s auch schon. All diese Platten können nicht ausgeliehen werden, sie sind einfach da und gucken, was passiert.

Spätestens zum großen Umzug müssen die Platten jedoch aus ihrem Regal geholt werden: 2021 zieht die Zentralbibliothek auf die andere Seite des Hauptbahnhofs, in das Gebäude, das gerade noch die Hauptpost war. Da gibt es dann mehr Platz und weniger Medien. Was sich wie ein Widerspruch anhört, macht durchaus Sinn: Laut Lins haben Studien gezeigt, dass ein Bestand, der etwas verringert und dafür gut ausgewählt ist, wieder besser angenommen wird.

VR-Brillen, Videospiele und ein 3D-Drucker zum Ausprobieren

Und es ist, wie es ist – die Ausleihzahlen gehen zurück. Um dem entgegenzuwirken, lässt sich die Bibliothek einiges einfallen. Wie zum Beispiel das LibraryLab im ersten Stock. Hier kann man VR-Brillen ausprobieren und Videospiele zocken. Dass auch das zum Kulturgut gehört, versteht nicht jeder. Deshalb soll die Hemmschwelle möglichst niedrig gehalten werden. Kein Extra-Raum, kein Aufsichtspersonal. Nur ein leuchtend pinker Teppich, der Aufmerksamkeit erregt und Neugier weckt.

„Woher nimmt die Bibliothek denn eigentlich Geld für sowas?“, ist auch so eine Frage, die mir immer mal durch den Kopf geht. „Die jährliche Nutzergebühr ist doch sicher nur ein kleiner Teil?“ Und richtig: Das meiste Geld kommt von der Stadt und wird immer wieder neu verteilt. Die Stellen der Mitarbeiter sind aber trotzdem sicher. Das Geld für das LibraryLab kam hingegen vom Land, hierfür hatte die Bibliothek extra einen Antrag gestellt.

Mitten auf dem pinken Teppich, in einem gläsernen Kasten, wartet noch ein ganz besonderes Gerät darauf, ausprobiert zu werden: ein 3D-Drucker. Was quasi gerade noch der Industrie vorbehalten war, können Bib-Benutzer hier einfach mal machen, kostenfrei. Sich am Computer daneben eine Vorlage herunterladen, diese auf eine SD-Karte ziehen, die Karte in den Drucker stecken, eine Spule PLA-Band in der gewünschten Farbe einlegen und los geht’s: Der Drucker erwärmt sich, dadurch schmilzt der Kunststoff und legt sich in einem dünnen Faden auf die Bodenfläche. So entsteht nach und nach ein Einhorn. Oder der Düsseldorfer Fernsehturm. Da dieses Verfahren nicht komplett selbsterklärend ist, kann man einen „3D-Druck-Führerschein“ machen. In zwei Stunden wird einem hier alles gezeigt, danach darf man dann jederzeit alleine rumprobieren.

Im Sortierraum schließt sich der Kreislauf

Zum Abschluss der Führung geht es noch einmal hinter die Kulissen – in den Sortierraum hinter den Rückgabe-Automaten. Endlich schließt sich auch hier die Lücke zwischen dem Abgabefach, in das ich mein ausgelesenes Buch lege, und dem Regal, auf dem es kurze Zeit später wieder für den nächsten Leser bereitsteht: Die abgegebenen Bücher fahren auf einem grünen Fließband in den Raum und werden von der Maschine schon mal in große Behälter vorsortiert. Ein Mitarbeiter verteilt die Bücher und CDs dann auf die bereitstehenden Wagen und am nächsten Morgen wird alles an seinen Platz im Haus gebracht.

Am Ende stehen wir wieder im Eingangsbereich, danken Maike Lins dafür, dass sie so geduldig auf all unsere Fragen geantwortet hat, und gehen jeder unserer Wege. Mit einem Lächeln im Gesicht leihe ich mir noch ein paar Bücher aus, dann schlendere ich langsam nach Hause. Wie viele Leute wohl in der Zentralbibliothek arbeiten, frage ich mich, als ich in meine Straße einbiege. Und welche Ausbildung braucht man eigentlich, um an solch einem spannenden Ort zu arbeiten? Jetzt weiß ich auch, warum die Führung so regelmäßig stattfindet: Es gibt ja immer neue Fragen. Bis zum nächsten Mal!

Dieser Text erschien auch als Gastbeitrag im Jahresbericht 2018 der Stadtbüchereien, S. 48.

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Mehr Infos:
Zentralbibliothek Düsseldorf | Bertha-von-Suttner-Platz 1 | 40227 Düsseldorf
Nächste Bibtour: Mittwoch, 7. März 2018
Nächster „3D-Druck-Führerschein“-Workshop: Dienstag, 20. Februar 2018

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