Museumsaufsichten: Die Bodyguards der Kunst

Sie kennen sich aus im KIT – Kunst im Tunnel. Zwei Aufsichten erzählen von ihrem Arbeitsalltag – und den Besonderheiten ihres Museums.

In der Regel sind sie einfach da. Gehen langsam durch den Ausstellungsraum und behalten die Besucher im Blick, ohne ihnen zu sehr auf die Pelle zu rücken. Ulrich Steines und Jan Drescher arbeiten als Museumsaufsicht im KIT – Kunst im Tunnel. „Viele wollen das Kunstwerk vor sich berühren, wollen wissen, wie es sich anfühlt“, erklärt Steines. In solchen Situationen brauche es immer ein wenig Fingerspitzengefühl. „Bitte nicht zu nah herangehen“, sei sein häufigster Satz.

Die beiden sind ein eingespieltes Team. Steines ist seit acht Jahren hier, Drescher war von Anfang an dabei. Und weil das KIT so klein ist, sind sie weit mehr als nur die Aufsicht: Sie schließen die Räume auf, haben die Alarmanlage im Blick, schauen, ob die Technik funktioniert. An der Kasse wechseln sie sich ab, der jeweils andere streift durch den Tunnel.

„In allen Museen weltweit gilt eigentlich ein Abstand von einem halben Meter“, sagt Steines. „Aber der wird so gut wie nirgendwo eingehalten.“ Der 61-Jährige hat zuvor viele Jahre lang in einem Anzeigenblattverlag gearbeitet. Im Zuge einer Computerumstellung musste er gehen – und fragte einfach mal an der Kasse des K21, ob sie eine Arbeitskraft gebrauchen können. Drescher, 40 Jahre alt, kennt die Sicherheitsbranche schon seit 20 Jahren. Er war vorher in der US-Army-Basis in Garmisch-Partenkirchen tätig. Als der Posten geschlossen wurde, entdeckte er die Annonce des Museumsdienstleisters WWS Strube in der Zeitung und bewarb sich. So wie viele andere Museumsaufsichten kommen also auch sie aus anderen Bereichen, denn Aufsicht ist kein Lehrberuf. Dafür wurden sie mit einer intensiven Schulung von WWS Strube auf ihre Tätigkeit vorbereitet.

Die meisten Besucher reagieren laut Steines sehr nett, aber nicht alle seien so verständnisvoll – es gebe schon auch mal Diskussionen. Doch bis jetzt hatten sie Glück und es ist noch nie ein Kunstwerk ernsthaft beschädigt worden. Bis auf den Vorfall zur Nacht der Museen, bei dem sich ein Mann trotz mehrmaligem Hinweisen für ein Foto an ein Bild gelehnt hat, an dem ein Straußenei klebte. Es kam, wie es kommen musste: Das Ei riss ab und ging kaputt.

Manchmal dürfen ja auch Podeste betreten oder Dinge ausprobiert werden. Auf diese Ausnahmen mache die Aufsicht die Besucher dann gerne aufmerksam. In der aktuellen Ausstellung „Natalie Häusler. Honey“ steht beispielsweise ein Motorrad, auf das man sich setzen darf. Und ab und zu wird es auch lustig. „Wir hatten mal eine Ausstellung, in der ein Video gesagt hat: ‚Komm, zieh deine Hose aus‘“, erzählt Drescher. „Da haben dann einige Leute tatsächlich ihre Hose ausgezogen und wir mussten denen sagen: ‚Nein, das ist Kunst, Sie müssen Ihre Hose nicht ausziehen.“

Manche Problemchen seien auch einfach der Besonderheit des Ausstellungsraumes geschuldet. An schönen Wochenendtagen oder bei Events wie dem Marathon oder dem Japantag ist das Rheinufer voll, die Menschen strömen ins Café und benutzen die Toiletten unten im Tunnel. Das lockt auf der einen Seite neue Besucher ins Museum. Gleichzeitig sind genau solche Tage eine Herausforderung für das Sicherheitspersonal. Viele Leute halten laut Drescher den Ausstellungsraum für das Foyer der Toiletten, sie setzen sich mit ihren Kindern auf den Boden und fangen an zu picknicken. „Die Leute sind hier etwas lockerer“, hat auch Steines festgestellt, „dabei gelten im KIT dieselben Regeln wie in anderen Museen auch: Nichts berühren, nicht essen und trinken, nicht rauchen.“ Auch das komme hin und wieder vor: dass sich Besucher eine Zigarette anzünden. Gerade bei Eröffnungen, die rappelvoll sind, werde das gerne vergessen.

Und wenn mal nichts los ist – ist das nicht langweilig? „Es gibt natürlich eine gewisse Monotonie“, antwortet Steines. „Aber die haben Sie im Kaufhaus auch, wenn da gerade keine Käufer sind. Oder im Büro, da sitzen Sie auch von 9 bis 17 Uhr immer am gleichen Tisch.“ Das Problem an ihrem Beruf sei eher das viele Stehen. „Und dass man dabei trotzdem immer konzentriert bleiben muss“, ergänzt Drescher. „Denn meistens passiert dann alles auf einmal: Man hilft einem Rollstuhlfahrer, das Telefon klingelt, jemand möchte etwas wissen und dann muss auch noch ein Fehlalarm schnellstmöglich ausgeschaltet werden, weil jemand aus Versehen den Notausgang genommen hat.“

Auf jeden Fall seien sie immer zur Stelle, wenn es drauf ankommt. Dazu gehört auch, im Notfall Erste Hilfe zu leisten. Das kann eine ältere Dame mit Kreislaufproblemen sein, der man einfach ein Glas Wasser holt. „Wir hatten aber auch schon einen Mann, der in der Behindertentoilette gestürzt und mit dem Kopf auf den Toilettendeckel gefallen ist“, erzählt Steines. „Der hat sich am kaputten Deckel Schnittwunden zugezogen. Da haben wir uns sofort um die Erstversorgung gekümmert und einen Krankenwagen gerufen.“

Wenn es dann wirklich mal etwas ruhiger zugeht, gibt es ja noch die Kunst. Und die dürften sie am Ende einer Ausstellung besser kennen als jeder Besucher. Die letzte zum Beispiel sei super gewesen, da habe es ein wirklich gutes Video einer chinesischen Künstlerin gegeben. Das schaue man sich dann auch gerne mehrmals an. Andere Ausstellungen dagegen seien etwas anstrengender. Zum Beispiel die, bei der beide Fenster abgedunkelt waren und es aus fast 50 Boxen mit 90 Dezibel tönte. „Wir hatten zwar einen Hörschutz“, sagt Drescher, „und man gewöhnt sich auch irgendwann an die Geräusche. Trotzdem war es dann auch gut, als es vorbei war.“

Was Drescher an seinem Arbeitsplatz am besten gefalle, seien die vielen jungen Künstler. Alle drei Monate wechseln die Ausstellungen, und da sie als Aufsicht auch den Umbau begleiten, lerne man viele Künstler persönlich kennen. Doch das Wichtigste bleiben laut den beiden die Besucher: „Wir freuen uns immer, wenn die Besucher am Ende die Treppe wieder hochgehen und zufrieden sind.“

Dieser Artikel ist 2018 in der Westdeutschen Zeitung erschienen.

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