Kreativ schreiben: Wie man eine Stadt aufschreibt

Wenn man eine neue Stadt bereist, fallen einem vor allem die Dinge auf, die anders sind als zu Hause. Die Wasserrinnen in Freiburg. Der Dom in Köln. Die roten Mülleimer mit den Sprüchen in Hamburg. Fleißig hält man all dies im Notizheft fest und wird sich später anhand weniger Stichpunkte wieder an die ganze Stadt erinnern, an die Atmosphäre, das Wetter und die Menschen. Doch was tun, wenn man seine eigene Stadt festhalten will, die man schon viel zu gut kennt?

Etwas festhalten, aufschreiben, um sich später zu erinnern, also ein Tagebuch führen, das Tagebuch einer Stadt – eine Stadtchronik. Man denkt zuerst an eine Stadtchronik. Schließlich ist es doch die Vergangenheit, die einem zu dem macht, was man ist. Eine Stadtchronik wird mehr oder weniger detailliert geführt und ist mit etwas Glück im Internet einsehbar. So kann man beispielsweise in den Seiten der Düsseldorfer Chronik stöbern. Und erfahren, dass es am 22.4.1911 im Aaper Wald gebrannt hat, dass es am 4.5.1930 einen „Fußball-Länderkampf Deutschland – Schweiz im Stadion“ gab, bei dem Deutschland haushoch gewann, und dass der Bücherbummel auf der Kö im April 1985 zum ersten Mal stattfand.

Will man seine Stadt aufschreiben, könnte man also alles notieren, was in den Zeitungen steht und was in den Ratssitzungen beschlossen wird, alle berichtenswerten Ereignisse, und somit eine kleine Stadtchronik verfassen. Könnte man. Oder man macht es genau andersherum. Und widmet sich den Details, die immer da sind und die sich dadurch unserer Wahrnehmung entziehen. Was ist denn das Beste an dem Foto vom Weihnachtsbaum 1992? Die Schrankwand dahinter! Und was wir damals für einen komischen Teppich hatten! Oder das Foto von den Freundinnen auf der Schönhauser Allee: Da im Hintergrund – so sah der S-Bahnhof damals aus, bevor das Einkaufszentrum draufgestellt wurde! Was im Moment des Fotografierens für uns so nebensächlich ist, kann auf einmal das Interessanteste des ganzen Bildes sein.

Der französische Schriftsteller Georges Perec hat sich im Oktober 1974 ein Wochenende lang in verschiedene Cafés am Pariser Place Saint-Sulpice gesetzt und alles notiert, was er sah. Den Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen1, so der Titel der deutschen Ausgabe dieses Schreibprojekts, beginnt Perec mit der genauen Angabe von Datum, Zeit, Ort und Wetter und listet dann unermüdlich jedes Detail auf, was er mit durch die Aufgabe geschärfter Wahrnehmung zu erfassen vermag. Anfangs versucht er, die Details in Kategorien wie „Zeichen und Symbole“, „Buslinien“ oder „Farben“ einzuordnen. Doch schon bald verfällt er in einen Schreibfluss, in dem sich das Fließen des städtischen Lebens spiegelt. Das Vorbeifahren des Busses Nummer 70 wird nicht nur einmal festgehalten, sondern jedes Mal, wenn der Bus vorbeifährt. Ein Bonbonpapier auf dem Gehweg, die Tauben, ein Mann, der seine Zigarette zwischen Ring- und Mittelfinger hält, eine grüne Ente, die vorbeifährt, die Touristen, ein Mädchen, das einen Baba (Hefekuchen) isst, ein Mann, der ein Vélosolex (französisches Mofa) schiebt – alles ist gleichsam wichtig. Und zeichnet uns ein farbenfroheres Bild vom Paris der 70er Jahre als es ein Reiseführer je könnte.

Cafe_Fenster
Alles aufschreiben – auch wenn scheinbar nichts passiert

Einen ähnlichen Ansatz verfolgte die serbische Autorin Barbara Marković in Graz, Alexanderplatz2. 2011/12 war Marković Stadtschreiberin von Graz und nahm sich an drei verschiedenen Grazer Plätzen nicht weniger als eine Bestandsaufnahme aller Beschriftungen vor. Akribisch wurde der Text von Werbeplakaten, Graffitis und Speisekarten abgeschrieben und im Buch auf den linken Seiten hintereinanderweg und in Kleinbuchstaben abgedruckt. Diesem urbanen Wortorchester sind auf der rechten Seite jeweils einige prägnante Auszüge gegenübergestellt und mit Kommentaren, Zeichnungen oder Hinweisen zur Schreibsituation versehen (denn viele Passanten sind interessiert oder gar verängstigt, wenn jemand auf der Straße steht und sich offensichtlich etwas notiert). Und so zeigt uns dieses Buch einerseits, wie wenig wir vom permanenten Informationsfluss moderner Städte wirklich aufnehmen können und wie zufällig die Auswahl des bewusst Wahrgenommenen eigentlich ist. Und gleichzeitig malt es uns ein detailliertes Bild der österreichischen Stadt Graz – mit Eigenheiten wie Käsekrainer, Bim oder der Steiermärkischen Sparkasse.

Beide Texte machen große Lust einmal die eigene Stadt aufzuschreiben. Lasst uns selbst Stadtschreiber werden, uns einen warmen Sommersamstag lang auf einen wuseligen Platz setzen und schreiben, schreiben, schreiben. Und einfach mal nicht darüber nachdenken, ob etwas notierenswert ist oder nicht – im Gegenteil: Jede scheinbar belanglose Wespe zwischen den Kuchenkrümeln vor uns, jeder Junge in Jeans und T-Shirt und jedes Fahrrad hat sich einen Platz in unseren Aufzeichnungen verdient. Endlich geht es einmal nicht um kunstvolles Kürzen. Denn umso mehr wir aufschreiben bis uns der Arm abfällt oder wir Hunger bekommen, desto detaillierter wird das Bild unserer Stadt. Na dann – los geht’s!

———————————–

1. Georges Perec: Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen; aus dem Französischen von Tobias Scheffel, Libelle Verlag, Konstanz, 2011.

2. Barbara Marković: Graz, Alexanderplatz; Leykam Verlag, Graz, 2012.

4 Antworten auf „Kreativ schreiben: Wie man eine Stadt aufschreibt“

    1. Das ist ja fantastisch! Als Berlinerin habe ich mich da auch sogleich festgelesen …
      Jetzt wohne ich in Düsseldorf. Da gibt es immerhin den „Stadtschreiber-Schmaus“ in der Brauerei Zum Schlüssel. Leberkäse mit Bratkartoffeln und Spiegelei. Die Sache mit den Stadtschreibern ist hier also ausbaufähig. ;)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*