Woran arbeitet ihr gerade?

So manch einer wird sich als Kind gefragt haben, was die Eltern denn eigentlich den ganzen Tag machen, wenn sie „auf Arbeit“ sind. Noch heute hat man ja Freunde, die Head of Management of Distribution of irgendwas sind und bei denen keiner so genau weiß, was das jetzt nun heißt. Und wenn dann auch noch ein langjähriger Kollege plötzlich mit einem Hobby wie Klöppeln oder Djembe um die Ecke kommt, gibt’s kein Halten mehr: Jetzt zeig doch mal, was genau machst du da?

Oft fasziniert uns das Rätselhafte

Nun kann genau dieses Nichtwissen seinen Reiz haben, gerade das Rätselhafte ist meist spannend. So macht der Künstler Tino Seghal seine Kunst rar, indem er eben nichts zeigt – seine Choreografien unterliegen einem Bilderverbot. Wer das Glück hat, eines seiner Werke in einem der großen Museen zu sehen, der kann den Augenblick genießen und sich danach erinnern oder davon erzählen. Aber es gibt keine Fotos und Videos, nicht mal einen Ausstellungskatalog.1 So weckt seine Arbeit Aufmerksamkeit, weil wir sie nicht einfach so mal googeln können (dass die Leute Seghals Kunst verbotenerweise auf Instagram oder Youtube hochladen, ist ein anderes Thema).

Zettel
One Poem a Day – das ergibt eine Menge Zettel

Doch für gewöhnlich wollen wir gern etwas über die Menschen und ihre Arbeit erfahren. Das Werk bzw. das Ergebnis wird für uns interessanter, wenn wir die Geschichte dahinter hören. Künstler, Musiker, Schriftsteller, der Head of irgendwas sind auch nur Menschen. Und den Song oder die Präsentation eines neuen Konzepts haben sie nicht mal kurz hergezaubert – sondern das sind nur die Äpfel vom Baum des Arbeitslebens. Daneben gibt es Inspirationen, Ideen, Entwürfe, Verworfenes, Besprochenes, Geklautes, Weiterentwickeltes, Routinen – Arbeitsleben eben.

Anderen seine Arbeit zeigen hat viele Vorteile

Austin Kleon, der sich selbst als zeichnender Schriftsteller bezeichnet, hat dazu sogar ein Buch geschrieben: Show your work! / Zeig, was du kannst!. Darin zeigt er die vielen Vorteile auf, die es bringt, wenn man seine Arbeit dokumentiert und sie anderen zeigt. Nicht nur zwingt es einen zur Selbstdisziplin (will man jeden Tag ein Foto auf Instagram von seiner Arbeit posten, wäre es gut, wenn man auch an etwas arbeitet), es zeigt einem auch objektiv, wie viele tolle Dinge man eigentlich tagtäglich zustande bringt (die man vielleicht gar nicht für so besonders gehalten hätte) und bringt einen mit anderen Menschen zusammen, die Feedback oder neue Anstöße geben und einen selbst wiederum inspirieren.

Schreibtisch
Mein Schreibtisch kurz vor der Ausstellung

Dabei gibt es unzählige verschiedene Formen, wie man anderen seine Arbeit zeigen kann. Austin Kleon hat einen Instagram-Account, wo er neben seinen Newspaper Blackout Poems auch mal ein Foto von seinem Schreibtisch, seinem Skizzenbuch oder einem 100er-Pack Skalpellklingen hochlädt. Die Bloggerin Silke Hartmann führt Interviews mit Leuten, die Geisteswissenschaften studiert haben und damit was Tolles geworden sind – Lexikograph zum Beispiel. Und Stefan Sagmeister lässt sich per Webcam in seine New Yorker Agentur gucken (Achtung, Zeitverschiebung, so richtig los geht’s da erst, wenn bei uns Nachmittag ist).

Ich selbst habe im letzten November mit dem Projekt One Poem a Day angefangen und schreibe seitdem jeden Tag eine kleine Wortskizze. Das ergibt neben einem großen Zettelhaufen nicht nur stetigen Nachschub für diesen Blog, die ersten 296 Stück habe ich auch für die Ausstellung Stadtblick gedruckt und gebunden. Ein Jahr soll das Projekt dauern und nun sind es nur noch 8 Tage – ich komme mir gerade vor, als hätte ich schon einen Weihhnachtskalender. Fast werde ich ein wenig wehmütig, aber nach dem Projekt ist vor dem Projekt und geschrieben wird ja weiter.

Und ihr? Wie ist es bei euch, woran arbeitet ihr gerade?

———————————–

1. Vgl. „Bilder im Kopf“, Artikel von Thorsten Schmitz über Tino Seghal, SZ-Magazin Nr. 40, 07.10.16.

4 Antworten auf „Woran arbeitet ihr gerade?“

  1. Liebe Carina, mach bitte unbedingt weiter! Du bist für mich tägliche Inspiration, und – ganz pragmatisch – die einzige, der ich erlaube, jeden Tag in meiner Mailbox zu erscheinen! Grüße aus der Schweiz, Cocolina

  2. Ich habe heute ein Bild von meinem Schreibtisch auf Facebook gepostet und meine Freunde gefragt, warum uns überall entweder Essen, glückliche Menschen auf Reisen oder aber Sprüche, die angeblich irgendwer irgendwann gesagt hat, entgegenstrahlen. Immer nur sehr ausgewählte Momente zur Schau gestellt.

    Wir verbringen so viel Zeit bei der Arbeit, mit der Arbeit, mit Arbeitskollegen und deshalb wäre es doch schön, wenn wir mehr miteinander teilen, was wir den lieben langen Tag machen. Spannend, dass du genau den gleichen Gedanken zeitgleich hattest! Auf Facebook ist eine lebhafte Diskussion entstanden, die ich vielleicht für meinen nächsten Blogeintrag hernehme.

    Bedeutet das, dass du hier nicht mehr tägliche postest? Das fände ich sehr schade!!!

    1. Ja, was für ein schöner Zufall! Dann bin ich gespannt auf den Blogeintrag dazu ;) Kann man das Foto schon irgendwo sehen?

      Und doch, der Blog geht auf jeden Fall weiter. Es sind ja schon jetzt nicht jeden Tag eins zu eins alle Wortskizzen. Im Moment poste ich ungefähr alle zwei Tage, das kann dann ein aktuelles Tages-Poem sein, aber auch eine Schnipselpoesie oder ein Video oder ein längerer Text zur urbanen Inspiration. Momentan habe ich um die 70 Sachen im Entwürfe-Ordner, da geht also noch einiges :) Mal gucken, wieviel täglich dazukommt, wenn die Projekt-Vorgabe nicht mehr da ist. Da bin ich selbst gespannt …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*