Wie man die Zeit schreibt

Zeit ist abstrakt. Wie Liebe und Tod. Und Glück. Wer über die Zeit schreibt, sucht sich deshalb Konkretes. Ein konkretes Problem vor allem: zu wenig Zeit, die wir haben; zu viel Zeit, die schon vergangen ist. Und im Endeffekt geht es wie immer nur um uns. Doch was wenn die Zeit selbst mal im Mittelpunkt stehen soll?

Dazu wollen wir uns zwei Künstler anschauen, die sich mit dem Thema Zeit auseinandergesetzt haben: Roman Opałka und On Kawara.

Der französisch-polnische Künstler Roman Opałka hat in den 60er Jahren begonnen, mit einem feinen Pinsel Zahlen auf eine Leinwand zu malen. Eine Eins, dann eine Zwei, eine Drei. Hintereinander. Und als eine Leinwand voll war, machte er mit der nächsten weiter, Opałka 1965/1-∞ heißt die Serie. Weiße Farbe auf dunklem Grund. Dieser Grundfarbe mischte er bei jeder neuen Leinwand ein wenig Weiß bei, so dass die Hintergründe immer heller wurden und sich so irgendwann dem Weiß der Zahlen annähern sollten. Als es 2011 optisch fast soweit war, starb Opałka.

Zeit
Die Zeit visualisieren – zum Beispiel während einer Zugfahrt

Ebenfalls in den 60er Jahren begann On Kawara mit seinen Date Paintings: Mit weißer Farbe malte er für diese Serie, die er bis zu seinem Tod 2014 fortführte, das jeweilige Datum auf einen einfarbigen Grund. Hierzu entwickelte er unzählige Regeln, unter anderem: Die Schreibweise und die Monatsabkürzung richten sich nach der Sprache des Landes, in dem das Bild entsteht (und On Kawara ist viel gereist). Hat dieses Land keine lateinischen Schriftzeichen, verwendet er Esperanto. Schafft er es nicht, das jeweilige Bild an diesem Tag fertigzustellen, wird es zerstört.

Beide Konzeptkünstler beschäftigen sich mit der Bedeutungslosigkeit des Lebens (und der Malerei). Und überwinden diese, indem sie die Zeit visualisieren. Schreibend. Das wollte ich auch versuchen, ließ mich zusätzlich von Erwin Wurms One Minute Sculptures inspirieren und schrieb das „One-minute poem“.

Allerdings basieren beide Konzepte und mein Versuch allesamt auf Zahlen. Natürlich, schließlich messen wir die Zeit mit Zahlen und orientieren uns am Datum. Aber geht das auch anders? Können wir die Zeit auch Wörter schreibend visualisieren? Mit „Superbarfrau“ habe ich einen neuen Versuch gestartet.

Was ist mit euch, habt ihr auch eine Idee, die Zeit zu schreiben?

10 Antworten auf „Wie man die Zeit schreibt“

  1. Ist nicht jedes Wort, auf Papier gebannt, ein kleiner Versuch, die Zeit zu halten? Den Fluss der Gedanken, so eilig er auch sein mag, auf etwas zu bannen, dass die Zeit überdauern und die Zeit hintergründig werden lasse? Vorgestern gedacht, gestern geschrieben, heute gelesen, und morgen noch nicht ganz verstanden.
    Oh, und dieses böse vergängliche Papier!

    1. Das stimmt, das Gefühl habe ich auch immer – schreibend versuchen wir uns, an dieses Leben, an den Moment zu krallen, wollen ihn nicht gehen lassen, sondern festhalten und bewahren. Ein lächerlicher Versuch, wäre es nicht so schön, den Moment so mit anderen zu teilen und zu fragen: Schau, kennst du das? oder aus den Momenten der anderen etwas für sich mitzunehmen. Dann wird aus deinem vergangenen Moment mein gegenwärtiger Moment.

  2. Das geht.

    Gedichte zum Beispiel sind „dicht“ zu lesen, wie ich finde. Viel Inhalt und Interpretationsmöglichkeiten komprimiert auf wenige Worte. Schnell(!) gelesen.

    Alltags-Prosa und dergleichen in ihrer Gegenwartsform lesen sich „länger“, nicht nur, was die reine Lesezeit angeht. Rein subjektiv.

    Grüße aus dem Tal der Wupper!

    1. Hallo Reiner,
      oberflächlich gesehen hast du sicher recht, aber den Gehalt von Alltagsprosa erfasst du trotz ihrer längeren Form schneller, als die Schichten eines „guten“ Gedichts, über dessen Wörter du vielleicht wegen seiner kompakten Form schneller mit den Augen gerutscht bist.

      1. Hallo Reiner, hallo Ule,
        ich finde, ihr habt beide recht, es kommt wohl darauf an, wie man „schnell“ und „langsam“ lesen definiert. Ein kurzes Gedicht ist schnell gelesen, während eine längere Prosageschichte einen länger vereinnahmt, zumindest für die Zeit des Lesens, da hast du recht, Reiner.
        Ule hat genauso recht, aufgrund der Mehrschichtigkeit von Gedichten, können diese einen wiederum länger beschäftigen als ein eindeutiger Prosatext.
        Vielleicht ist es auch gerade die Form, die immer die Zeit mit darstellt. Eine Seite Prosa à la Thomas Bernhard, also ohne Absätze oder Punkte, erzeugt Schnelligkeit. Die vielen Umbrüche eines Gedichts erzwingen immer wieder Pausen.
        Lange Sonntagsgrüße
        Carina

        1. Genau das fasziniert mich immer wieder: der Zusammenhang zwischen Form und Zeit, die Frage nach der Form der Zeit (siehe Einstein und seine Kontrahenten) und nach der Subjektivität im Zeiterleben.

    1. Hallo Ule,

      vielen Dank für diesen Beitrag! Dieses komische Ding, was wir Zeit nennen, was für Fragenketten es in uns auslöst, wir sehr wir es begreifen und greifen wollen. Vor allem das Ende deines Gedichts hält diesen Umstand so schön fest.
      Die Zeit und die Sprache … das erinnert mich an die Pirahã: ein indigenes Volk in Brasilien, in dessen Sprache es keine Zeit, keine Vergangenheit und keine Zukunft, und auch keine Zahlen gibt. Wie anders eine Sprache sein kann und wie anders wohl das Denken in dieser sein muss …

      Viele Grüße
      Carina

      1. Und wie viel Macht diese Größe „Zeit“ über uns hat!
        Wie frei muss ein Leben sein ohne einen Begriff von Zeit – denn in der Sprache fehlt so ein Begriff ja nur dann, wenn der begriffene Gegenstand auch im Denken keine (wesentliche) Rolle spielt.

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