Wenn es 2006 schon Instagram gegeben hätte

2006 gab es noch kein Instagram. Was mich nicht davon abhielt, mein Leben zu dokumentieren. Als mir die Fotos letztens wieder in die digitalen Hände gefallen sind, dachte ich: Ach Mensch. #minimalism, #foodporn, #visionboard – gab’s ja alles damals schon …


#minimalism

Als ich in die Schönhauser Allee zog, passten meine Sachen in neun Bananenkisten. Die ich dann auch erstmal als Möbel nutzte, wie man das eben so macht, als junger Mensch. Eine Matratze kam hinzu, später noch ein Schreibtisch und ein Sofa vom Mitbewohner. Wenn Leute das erste Mal bei mir waren, fragten sie mich, ob ich gerade erst eingezogen sei. Aber mir gefiel es so. Es fühlte sich so an, als bräuchte ich gar nicht mehr, weil es sowieso gleich weitergeht, mit dem Leben.

Auf dem hochmodernen Laptop hörte ich hauptsächlich Indie, tippte Tagebuch und versuchte, meine Myspace-Seite zu verschönern, indem ich Codeschnipsel in Textfelder kopierte.


#capsulewardrobe

Wenig Teile, nur Lieblingsstücke? Kein Problem für mein 21-jähriges Ich! Gut, stilsicher ist vielleicht was anderes und die Farben waren noch ein bisschen maximaler. Dafür schon mit fancy Kleiderstange.


#foodporn

Jap, genau. Mein Essen. Das Ergebnis von Eins a studentischen Kochkünsten. #nofilter, für mehr Realness auf noch nicht vorhandenem Instagram. Auf das exakt stullenförmige Spiegelei wäre ich auch heute noch stolz.


#visionboard

Das erste Studium war nix. Jeden Tag nach Frankfurt (Oder) pendeln, 200-Seiten-Skripte auswendig lernen und den Lückentext ausfüllen hatte nicht so viel mit meinen Vorstellungen von einem coolen Studium zu tun.

Vor dem nächsten Anlauf wollte ich Geld verdienen – und bewarb mich als Stewardess bei der Lufthansa. Trotz dieses sagenhaften Vision Boards hat das leider nicht geklappt.


#selfie

Dann eben Lotto spielen. #spoileralert – der große Gewinn blieb aus. Auf diesem Selfie allerdings noch ein hoffnungsvoller Blick.

Die unglaublich gute Qualität der Fotos rührt übrigens von meinem schwarzen Motorola-Klapphandy, mit dem ich mich erstmals auch selber sehen und gleichzeitig das Foto machen konnte.


#zerowaste

Somit musste das Geld irgendwie anders ran. In der Zeit arbeitete ich erst in einem Callcenter, dann als Barkeeperin und bei Lush. Vor allem Letzteres hinterließ seine Spuren in der Wohnung, ich deckte mich mit Badebomben und Seife ein. Im Prinzip also schon wegweisend Zero Waste – hätten wir auf Arbeit die Seifenstücke nicht leider nach dem Schneiden in Folie eingepackt.

Kurze Zeit später zog ich nach Düsseldorf und jetzt ist 2019.  Es gibt Smartphones mit wahnsinnig guten Kameras, es gibt Instagram und Youtube, es gibt unzählige Menschen, die ihr Leben teilen und noch mehr, die ihnen dabei zuschauen. Das alles ist spannend und unheimlich und fortschrittlich und inspirierend und komisch. Unglaublich, dass wir in 13 Jahren all das genauso belächeln werden, wie wir es heute mit 2006 tun. Noch ist also ein bisschen Zeit, etwas zu tun, worauf wir dann stolz sein werden. Und wenn’s nur ein stullenförmiges Spiegelei ist.

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