Was ich in meinem Sabbatical gemacht habe

Der Job war gekündigt und die Freiheit rief. Ein Jahr Sabbatical lag vor mir. Dass es ein ganzes Jahr werden würde, wusste ich allerdings im November 2015 noch nicht. Mein Plan war es lediglich, mal keinen Plan zu haben. Den Kopf beiseite zu schieben und mal nicht auf die Stimmen zu hören: „Aber der Lebenslauf!“, „Es ist immer einfacher, sich von einer sicheren Stelle aus zu bewerben!“, „Du musst doch was Richtiges machen!“. Stattdessen mal nur auf den Bauch zu hören. Und der wollte Dinge ausprobieren, für die neben einer Vollzeitstelle nie Zeit und Kraft da sind. Und herausfinden, in welche Richtung es weitergehen soll. Was ich dann so gemacht habe? Hier kommen die 8 Themen, die mich während meiner persönlichen Auszeit am meisten beschäftigt haben.

1. Aussortieren

Wie! Ich! Es! Liebe! Die eigene Wohnung entmüllen und kräftig aussortieren wirkt sich bei mir immer direkt auf die Psyche aus. Ich nannte die ersten zwei Wochen „Klarkommwochen“ und tobte mich aus. Bücher, die ich nie oder kein zweites Mal lesen würde. Klamotten, wenn ich sie nicht sofort und unbedingt anziehen wollte. Sämtliche alte Kalender (ich hatte ja noch die Tagebücher). Auch digital: Ich meldete mich von alten Accounts ab, löschte eine meiner drei E-Mail-Adressen und wuselte durch meine Festplatte – löschen, löschen, löschen.

Und dann fiel mir auch noch das Buch „Magic Cleaning“ der japanischen Aufräum-Expertin Marie Kondo in die Hände. Meine neue Bibel. Denn ich hatte seit meiner Jugend denselben Fimmel wie die Autorin als junges Mädchen – ich fragte mich ständig: Was kann ich denn mal noch aussortieren? Die KonMari-Methode hingegen dreht die Frage um: Welche Dinge machen mich glücklich? Statt ständig nach Gegenständen in der Wohnung zu suchen, die ich noch rauswerfen kann, ging ich noch einmal alles durch und nahm jedes Ding in die Hand. Was übrigblieb (schwarze Vans, Koffer, Bibliotheksausweis), bekam einen festen Ort. So brauche ich nach einer Reise nur noch zehn Minuten, bis der Koffer ausgepackt ist und alles wieder an seinem Platz steht.

2. Reisen

Da ich vor allem herausfinden wollte, wie es hier für mich weitergehen sollte, wollte ich keine Weltreise machen. Auch ein längerer Auslandsaufenthalt kam mir eher wie ein Hinausschieben des Grundproblems vor. Obwohl Janko und ich immer groß angekündigt hatten: „Wir gehen nach Brüssel!“, aber das war eher, weil wir die Stadt mögen. „Brüssel“ war unser geflügeltes Wort für „Wir machen jetzt alles anders“ gewesen.

Nichtsdestotrotz sind Reisen das Beste, um mal rauszukommen, eine neue Perspektive einzunehmen und von weitem auf sein kleines Leben zu blicken. Deswegen habe ich mindestens einmal im Monat einen Kurztrip gemacht. So hatte ich immer eine kleine Reise vor mir, auf die ich mich freuen konnte.

In Wien entdeckte ich den Grafikdesigner Stefan Sagmeister, der selbst alle sieben Jahre ein Sabbatical macht. In Budapest lernte ich ein paar Wörter Ungarisch. In Den Haag kaufte ich einen niederländischen Gedichtband. Für eine Lesung meines Schwiegervaters in Neumünster stellten Janko und ich noch einmal den Holzrahmen mit den 1000 weißen Origami-Kranichen auf, die wir für unsere Hochzeit gefaltet hatten. In Frankfurt genoss ich die Skyline auf dem sommerlichen Rasen am Main. Auf Sylt las ich in der Zeitung einen ausführlichen Artikel über Schnecken. In Eindhoven erfuhr ich alles über die Brüder Philips und ihre Glühbirnen. Und in Brüssel eröffnete eine Freundin einen Laden namens „Nebel“.

3. Schreiben

Zwei Regalbretter voller Tagebücher, aber nix zum Herzeigen – das wollte ich ändern. Am besten klein beginnen. Bzw. kurz: Nach dem Aussortieren waren vor allem Gedichtbände in meinem Besitz verblieben. Genug Inspiration, um selbst tätig zu werden. Einfach sollten die Textchen werden, einfach, kurz und mit Leichtigkeit. So beschloss ich, jeden Tag ein kleines Alltagsgedicht zu schreiben. Ich stellte auch ein paar davon zusammen und sendete sie an Verlage. Wohlwissend, dass das nicht einfach so funktioniert, aber ich war schon glücklich damit, es einmal ausprobiert und von einem Verlag sogar eine nette Absage bekommen zu haben.

Ich schleppte Gedichtbände aus der Bibliothek nach Hause, beschäftigte mich mit verschiedenen Schreibformen und begann einen Blog. Dann nahm ich mir die Tagebücher vor. Konnte ich daraus etwas machen? Das hatte ich mich schon so lange gefragt. Für die Antwort brauchte ich gerade mal einen Vormittag: Nein. Vergangen ist vergangen. Neues will geschrieben werden. Zum Beispiel Bewerbungen, aber dazu später mehr.

4. Kunst

So oft war ich durch Ausstellungen gelaufen und voller Inspiration nach Hause gekommen: Man müsste auch mal was Künstlerisches machen, was mit Sprache, mit Schrift. Oder ein Künstlerbuch, mit Texten und Fotos. Aber dann war meistens das Wochenende vorbeigewesen und die neue Woche vergrub all die Inspiration wieder unter sich. Nun aber hatte ich die Chance, diese kleinen Projekte endlich mal anzugehen! Ein Buch mit Fotos von Hotelzimmern – sah zusammengestellt dann doch nicht mehr so toll aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Was aus den Fotos machen, die ich 2007 mal an den einzelnen Stationen der Berliner Ringbahn gemacht habe? Ach. Lieber was mit Sprache.

Und dann kamen die Kunstpunkte und mit ihnen die Gelegenheit, zusammen mit Janko in seinem neuen Atelier eine Ausstellung zu machen, „Stadtblick“. Ich hing meine Alltagsgedichte neben seine Skizzen von Stadtszenen. Machte neue Gedichte aus Zeitungsschnipseln. Und aus vier Wortskizzen sogar ein Video mit animierter Poesie, das auf einem alten Fernseher lief. Die täglichen Gedichte des Projekts One Poem a Day, das ich noch immer durchhielt, ließ ich drucken und binden und legte das Buch neben einen grünen Sessel. Und damit war ich dann ein ganzes Wochenende lang Künstlerin – ich unterhielt mich mit interessierten Gästen, knabberte nervös einen Großteil der bereitgestellten Süßigkeiten selbst weg und verkaufte am Ende sogar ein, zwei Gedichte.

Flyer Stadtblick

5. Ausprobieren

Was wollte ich denn noch schon immer mal machen, fragte ich mich. Ich mag Bücher, sehne mich aber auch nach etwas Praktischem, Sinnvollem … Buchbinden! Beim Buchbindeworkshop lernte ich, was eine Ahle ist, wie viele Löcher man für welche Bindung in den Falz piekst, dass Leim schneller an den Fingern trocknet, als man „Buchdeckel“ sagen kann, und was für tolle große Maschinen es zum präzisen Schneiden oder zum Pressen eines Buchblocks gibt. Und ein Wochenende später gleich noch, was Siebdruck ist. Das steht in Museen oft an den Werken und darunter konnte ich mir immer nichts vorstellen. Jetzt habe ich mit dieser Technik selbst ein paar Buchdeckel in den Siebdrucktrendfarben Neonpink und Neonorange gedruckt.

Dabei habe ich viel gestaunt, aber dann wollte ich doch wieder an meinen geliebten Schreibtisch, zu meinen Büchern. Und zu den Sprachen – ich wollte schon immer mal wissen, wie Niederländisch ausgesprochen wird. Denn geschrieben versteht man ja recht viel … eine Woche lang lernte ich intensiv, bei welchen Buchstabenkombis die Niederländer „ch“ aus vollem Rachen sagen und dass quasi alles „lekker“ ist, auch wenn es nur schön aussieht oder Spaß macht. In Den Haag spielte ich dann die Niederländerin und sagte selbstsicher „Ja“ auf die Frage der Kassiererin im Buchladen, die ich leider nicht so ganz verstanden hatte. Woraufhin sie mir mein neues Buch als Geschenk einpackte … So schenkte ich es mir selbst und packte das Buch abends im Hotelbett aus – zusammen mit ein paar Stroopwafels.

6. Genießen

Apropos Stroopwafels – wie sehr man den Tag genießen kann, wenn man einfach mal tun kann, was man will! Wenn auch alle Zeiten ausgehebelt sind, so dass man sich montagvormittags mit einer Freundin, die noch studiert, im Café am Fürstenplatz treffen kann, drei Stunden frühstückt und danach noch einen Milchkaffee nimmt. Oder mittwochs um eins ins KIT Café, zwischen all die Business-Luncher, die bald wieder zurück in ihre Türme gehen, während wir sitzen bleiben, mit dem Blick weit über den Rhein, und Pläne für die Zukunft schmieden. Ideen zulassen und verwerfen. Und Kuchen zum Mittag essen.

So sehr ich jeden Tag etwas erleben, aktiv sein wollte, so dankbar war ich auch immer wieder, dass da eine Zeit lang einfach der Druck weg war. Heute nichts geschafft – na und? Man sieht ja auch nicht immer gleich, was wozu gut ist. Vielleicht bin ich einen Tag ziellos durchs Internet gesurft, dafür habe ich eine tolle Youtuberin entdeckt oder den letzten Anstoß bekommen, auch einen Blog zu starten. Vielleicht saß ich den ganzen Tag in einem Café rum, aber hatte eine wunderbare Zeit mit einer Freundin. Egal was in einem Jahr sein wird, das habe ich mir immer wieder gesagt, ich bin gerade so glücklich und dankbar – und das kann mir keiner mehr nehmen.

7. Bewerben

Nach etwa drei Monaten war ich alle kleinen Projekte, die ich vorher im Kopf gehabt hatte, angegangen und hatte sie entweder realisiert oder verworfen. Jetzt bekam ich Lust, mich so langsam wieder auf dem Arbeitsmarkt umzusehen und zu schauen, was es da Spannendes zu entdecken gab. Ich ging die Sache schön vorsichtig an, setzte mich in die Mayersche Buchhandlung, blätterte durch den Fotoband „Die Berlinerin“ mit Porträts und Fragebögen Berliner Frauen und guckte, was die so für Jobs machen. Als das nichts brachte, versuchte ich das andere Extrem: Stellenanzeigen aus dem Fundus der Arbeitsagentur. Dann tummelte ich mich auf Seiten mit der Überschrift „Geisteswissenschaften – und was wird man damit?“.

Ich begann, Bewerbungen zu schreiben und mich mit jedem Klick auf „Senden“ sofort komplett in parallele Leben hineinzudenken: Ich werde Untertitlerin beim WDR in Köln! Ich werde Archivarin in der Sammlung von Emil Nolde! Ich werde Dozentin an der Uni Osnabrück und schreibe eine Doktorarbeit! Ich will meine Ruhe und werde Sachbearbeiterin in einer Verwaltung! Ich werde Content Managerin in einer Werbeagentur! Zurück kamen eine Menge Absagen. Aber auch immer wieder die Erkenntnis: Irgendwie ist das gar nicht schlimm, so richtig doll wollte ich diesen Job ja nicht. Erstaunt beobachtete ich, wie ich mich trotzdem immer wieder für die neuen Themen begeistern konnte. So habe ich mich mit Korpuslinguistik beschäftigt, Twitter ausprobiert, HTML-Tutorials bei Youtube geguckt und alles über Content Marketing gelesen.

8. Chancen ergreifen

Was irgendwie immer da war: Ich liebe es, an Texten zu fummeln. Eine Freundin fragte mich, ob ich die Masterarbeit ihres Bruders korrigieren könne – da war ich wieder in meinem Element. Mein Schwiegervater hatte sein drittes Buch geschrieben, auch das durfte ich wieder lektorieren. Gut, dass ich es liebe, Lektorin zu sein, wusste ich auch schon vorher. Nur gab es kaum feste Stellen für Lektoren und wenn, dann nur Teilzeit und die immer gleichen Textsorten … Außerdem wollte ich mich ja auch noch um meine eigenen Schreibprojekte kümmern und Blogartikel schreiben.

Als mich dann ein Freund fragte, ob ich für das Unternehmen, in dem er arbeitet, Texte lektorieren könne, kam mir zum ersten Mal der Gedanke: Was, wenn ich mich selbstständig mache? Was, wenn das nicht heißt, „alles selbst zu machen und ständig zu arbeiten“, wie immer alle sagen? Wenn es nicht absolute Armut bedeutet? Ich könnte weniger konsumieren, weniger Geld ausgeben und deshalb auch weniger arbeiten müssen. Ich könnte viele verschiedene Projekte machen – für Geld oder einfach nur, weil ich Lust darauf habe. Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst, sagte die gleiche Stimme, die nicht gewollt hatte, dass ich meine unbefristete Stelle aufgebe. Ich antwortete ihr dasselbe wie vor einem Jahr: Lass es mich zumindest versuchen. Und machte mich als Lektorin selbstständig.

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