One Poem a Day – der Rückblick

Ein Jahr lang habe ich jeden Tag ein Gedicht geschrieben. Wie es dazu kam, was ich daraus gelernt habe und welche Wortskizzen ich am liebsten mag, erfahrt ihr in diesem kleinen Rückblick.

onepoemaday

Der Grund: Zwei Regalbretter voller Tagebücher. Die mir zeigten, dass ich das Schreiben so sehr liebe. Tausende Seiten, die geschrieben, aber nicht gelesen werden wollten. Und der Wunsch, das zu ändern. Etwas zu schreiben, das auch andere lesen können. Vielleicht etwas Kurzes, dachte ich mir im Urlaub in Wien, jeden Tag einen kleinen Moment in einer Wortskizze festhalten. Ich mach das jetzt einfach, fügte ich hinzu und schrieb 11 kurze Zeilen über eine Szene im Museum. Und am nächsten Tag eine, die sich im Donauturm abgespielt hatte. Die am dritten Tag hatte drei lange Strophen und wollte mir nicht so richtig gefallen. Aber da ahnte ich bereits: Einfach weitermachen und schauen, was passiert.

Die Laufzeit: Die ersten Zeilen in Wien entstanden am 11. November 2015. Als ich am 10. November 2016 Wortskizze #366 notierte, in der noch einmal ein Düsseldorfer U-Bahnhof und eine Taube vorkamen, war ich fast ein wenig wehmütig. Aber auch erleichtert. Und stolz.

Der Blog: Nach einigen Monaten stellte ich fest, dass ich nun zwar prinzipiell etwas schrieb, was auch andere lesen könnten, doch wanderten die Wortskizzen still und heimlich zu den Tagebüchern und machten es sich dort gemütlich. Also beschloss ich, mir einen Blog einzurichten. Analog zu „Urban Sketching“, dem Zeichnen von Straßenszenen vor Ort, nannte ich den Blog „Urban Writing“ und veröffentlichte die ersten Wortskizzen. Um Inspiration zu finden, beschäftigte ich mich im Poem-Jahr viel mit Gedichten und ungewöhnlichen Schreibformen. Über meine Entdeckungen schrieb ich in einer zweiten Rubrik: Urbane Inspiration.

Die Arbeitsweise: Die meisten Wortskizzen hielt ich auf kleinen Zettelchen fest, die ich dann für den Blog abtippte.

Zettel
One Zettel a Day

Die Ausstellung: Im Sommer bot sich die Möglichkeit, mit den Wortskizzen an einer Ausstellung im Rahmen der Kunstpunkte teilzunehmen. Unter dem Titel „Stadtblick“ hingen die Wortskizzen, mit der Schreibmaschine abgetippt auf A5, neben Jankos urbanen Zeichnungen. Außerdem gab es Schnipselpoesie zu sehen und vier animierte Videos, die auf einem Fernseher liefen. Der Raum gehörte zum Atelierhaus Walzwerkstraße, in dem an jenem Wochenende alle Künstler ihre Türen öffneten. Da ich ein großer Fan zeitgenössischer Kunst bin, wuselte ich aufgeregt durch die beiden Tage und genoss es sehr, mit Künstlern und Besuchern zu reden.

Das Feedback: Was für ein großartiges Gefühl! Wenn die kleinen Wortskizzen Leser finden, die so herzerwärmende Kommentare auf dem Blog hinterlassen. Wenn Besucher vor den Gedichten an der Wand stehen und schmunzeln. Wenn es Freunden und der Familie gefällt, was man macht. Aber auch wenn sich der sanfte Kritikfinger auf bestimmte Stellen senkt und mir zeigt, was nicht so gut funktioniert. Vielen Dank an all meine Leser!

Die Themen: Der Alltag sollte im Mittelpunkt stehen. Szenen, die so auf der Straße passiert sind. Oder hätten passieren können. Und wenn nichts passiert ist, dann Erinnerungen. Oder Wortspiele. Von Kirmes über Schlumpfeis bis U-Bahn. Viel Café, Kiosk und Supermarkt. In Düsseldorf-Oberbilk, aber auch auf Städtereisen.

taubengedicht

Kürzestes Gedicht: Ein Einwortgedicht. Knapp vor dem Zweiwortgedicht.

Längstes Gedicht: #31 über das erste Mal in einer Baklavalari.

Gedichte über Tauben: 12

Gedichte über Café und Kuchen: 13

Lieblingsgedicht: Ich mag „Der Tanz“. Und die visuelle Poesie.

Schwierige Phasen: Die gab es natürlich auch. Vor allem zum Ende hin. Da habe ich oft abends auf dem Sofa gesagt: „Ich brauch noch ’n Poem“ und es wollte einfach nichts auf den Zettel fließen. Das fühlte sich dann in etwa so an:

Tagsüber den Kopf zerbrechen
über ein Poem das Poem
am Abend zusammenschrauben
den Kopf nachts auch wieder
zusammenschrauben

Erkenntnisse: Kurz ist besser als lang. Aber auch schwieriger. Konkreter Alltag ist besser als abstrakte Experimente. Bei 366 Stück ist natürlich auch viel Quatsch dabei, viel Ausprobieren. Aber das ist ja auch einer der Vorteile von Projekten wie „Jeden Tag eins“. Heraus kam doch wieder eine Art Tagebuch. Das ich nun aber nicht mehr nur für mich, sondern auch für andere führte.

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Dieser Blogeintrag erschien auf meinem alten Blog www.urbanschreiben.com bereits am 20. Februar 2017, daher sind die Kommentare auch aus dieser Zeit.

7 Antworten auf „One Poem a Day – der Rückblick“

  1. Das ging mir ähnlich:

    manchmal flossen
    hab sie genossen
    die bilder und worte

    manches stockte
    kauerte und hockte
    an fernen orten
    mangel an worten

    manches erbärmlich
    stümperhaft und peinlich

    doch zum ende
    dann die wende
    denn zum schluss
    bleibt der stolz
    trotz temporärem
    überdruss
    ;-)

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