Ohne schlechtes Gewissen ins Sabbatical

„Was, du hast einfach gekündigt, ohne etwas Neues zu haben? Mutig!“ So reagierten viele, wenn ich ihnen erzählte, dass ich gerade eine Auszeit nehme. Umso weiter das Sabbatical fortgeschritten war, desto stolzer war ich auf diesen Umstand und desto selbstbewusster konnte ich davon erzählen. Doch gerade am Anfang war ich selbst noch ein bisschen unsicher und zweifelte sofort an allem, wenn ich einen schlechten Tag hatte.

Was mir in solchen Momenten am meisten geholfen hat, waren andere Menschen, die dasselbe gemacht haben und begeistert davon berichten. Gleich im ersten Monat der neuen Freiheit verbrachte ich meinen Geburtstag in Wien. Hier besuchte ich die Ausstellung „The Happy Show“ des Grafikdesigners Stefan Sagmeister. Ein Titel, der viel versprach und noch mehr hielt. Sagmeister hatte all seine Erkenntnisse zum Thema Glück zusammengetragen und grafisch umgesetzt.

Wie glücklich sind Sie?

Mich hatte er schon am Anfang, als es gelbe Kaugummikugeln gab. Die steckten in zehn numerierten Zylindern. Wie glücklich man gerade ist, sollte man einschätzen, dann durfte man sich einen Kaugummi aus dem entsprechenden Zylinder ziehen. Ich ging auf 9 – doch, schon sehr glücklich. Neben mir ein Vater mit einem kleinen Mädchen. Und jetzt ratet mal, auf welchen Glücklichkeitsgrad ein kleines Mädchen vor einer Wand mit gelben Kaugummikugeln geht. Recht hat sie, dachte ich hinterher, eigentlich hätte ich auch eine 10 nehmen können.

Mit dem Kaugummi im Mund schlenderte ich durch die Ausstellung, sah mir Sagmeisters Notizen und Fotos an und wurde selbst immer motivierter und glücklicher. Doch das Beste kam zum Schluss: In einem Raum mit Videos lief der TEDTalk, den er 2009 in Oxford gehalten hatte. In „Die Macht der Auszeit“ erzählt er, dass er alle sieben Jahre sein Design-Studio in New York dichtmacht und ein Sabbatjahr einschiebt.

Eine neue Sichtweise

Sagmeister geht davon aus, dass wir etwa die ersten 25 Jahre unseres Lebens mit Lernen verbringen, danach 40 Jahre arbeiten und am Ende 15 Jahre lang Rentner sind. Von diesen letzten 15 Jahren schneidet er sich 5 Jahre ab und verteilt diese als Sabbatical-Jahre gleichmäßig auf das Arbeitsleben. Das Publikum im Video applaudiert. Und ich applaudierte mit – in Form eines breiten Grinsens.

Er erzählt von Menschen, die sich regelmäßig eine Auszeit nehmen und dadurch erfolgreicher sind. Von Unternehmen, die ihren Mitarbeitern eine Auszeit geben und mit der Erfindung des Klebebands belohnt werden. Und von den wesentlichen Dingen, die ihm sein erstes Sabbatical gebracht hat: die engere Verbundenheit mit seiner Arbeit als Grafikdesigner, jede Menge Spaß und langfristig sogar eine finanzielle Verbesserung. Außerdem hatte laut Sagmeister alles, was sein Team und er in den folgenden Jahren entwarfen, seinen Ursprung in diesem ersten Sabbatical-Jahr.

Zuversicht statt Zweifel

Natürlich waren meine Zweifel nicht einfach weg: Ist ein Sabbatical jetzt mutig oder eine Lücke im Lebenslauf? Was mache ich, wenn das Geld alle ist? Bringt mir eine Auszeit etwas oder ist das nur ein besseres Wort für „arbeitslos sein“? Sagmeister konnte mir nicht beantworten, wie mein eigenes Sabbatical werden würde. Aber er brachte mir die Zuversicht, dass ich das Richtige tat.

Jetzt – eineinhalb Jahre später – finde ich das Video noch immer toll. Ich denke gern an diesen Moment in der Ausstellung zurück und würde mich am liebsten neben mein jüngeres Ich stellen und ihr ins Ohr flüstern: Wie könnte etwas falsch sein, dass einen so glücklich macht? Mach dir keine Sorgen. Tu es einfach. Und hol dir noch einen Kaugummi.

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