Mit Schnipselpoesie gegen Schreibblockaden

In vielen Blogs, in denen es ums Schreiben geht, taucht ein Thema immer wieder auf: die Schreibblockade. Die Freiheit, über alles schreiben zu können, scheint uns manchmal zu blockieren. Wenn dann noch der hohe Anspruch an sich selbst hinzukommt, dass das jetzt aber gut werden muss, schreibt man am Ende gar nichts. Um solch eine Blockade zu überwinden, müssen wir also genau bei diesen beiden Auslösern ansetzen: Freiheit und Druck. Und sie ins Gegenteil umkehren – mit Schnipselpoesie.

Restriktion statt Freiheit

Das Wort „Einschränkung“ klingt erst mal so viel negativer als „Freiheit“. Und doch macht uns gerade die Restriktion das Leben oft leichter: Bei zwei Zahnpastasorten treffe ich schneller eine Entscheidung als bei zehn. Ich kann meinen Koffer nicht überladen, denn ich darf ja nur 20 kg mitnehmen. Vegan sein ist Trend, Minimalismus ist in, die Menschen sehnen sich nach Regeln und klaren Vorgaben. Und das muss nicht heißen, dass man durch Regeln seine Mündigkeit verliert und keine eigenen Entscheidungen mehr treffen kann. Stattdessen helfen bestimmte Strukturen, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und genügend Energie für das zu haben, was wichtig ist.

So sind Aufgaben à la „Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt“ im Endeffekt die gemeinsten. „Schreibe etwas“ löst so viele Ideen aus, aber vielleicht bekommen wir einfach keine zu fassen. „Schreibe ein Gedicht“ gibt uns immerhin eine ungefähre Form vor. „Schreibe ein Gedicht zum Thema Apfelstrudel“ lässt uns schon mal den Stift in die Hand nehmen. Und „Schreibe ein Gedicht zum Thema Apfelstrudel mit fünf Zeilen, die jeweils sechs Wörtern enthalten“ weckt vollends unseren Ehrgeiz – und wir legen los.

Entspannung statt Anspruch

Der zweite Punkt, der uns immer wieder hemmt, ist der eigene Anspruch. Das muss gut werden, drunter mach ich’s nicht. Darüber vergisst man manchmal sogar, dass man doch eigentlich gerne schreibt. Hier hilft nur eins: den Druck rausnehmen. Wieder mit den Wörtern spielen und Spaß an der Sprache haben. Zum Beispiel mit der Schnipselpoesie: Wörter aus der Zeitung ausschneiden und zu etwas Neuem zusammensetzen. Denn Schreiben ist ja letztendlich nichts anderes als Wörter zu finden und diese miteinander zu kombinieren. Nur dass die Wörter nun von einer Zeitung vorgegeben und somit greifbarer sind.

Schnipselpoesie ist großartig

Also ran an die alten Zeitungen und wild drauflos geschnitten: Was sind tolle Wortkombinationen, welche Wörter stechen hervor, welche haben eine schöne Schriftart? Themen entstehen so wie von allein. Die Schnipsel dann vor sich ausbreiten und mit dem Puzzeln beginnen. Dabei das Haptische genießen, jedes Wort wortwörtlich in die Hand nehmen, sich den Text zurechtlegen.

Schnipselkunst
Bei der Schnipselpoesie sind die Wörter schon da – man muss sie sich nur noch zusammenpuzzeln

Das Faszinierende dabei ist, dass die vermeintlich so gleichmachende Schnipselkunst (Erpresserbriefschreiber wollen ja gerade ihre Identität verbergen) so individuelle Ergebnisse hervorbringt. Denn in der Praxis nimmt dann doch jeder eine andere Zeitung, wählt Wörter aus fetten Überschriften oder aus winzigen Textblöcken, nimmt rote oder schwarze Phrasen, ordnet die Schnipsel ordentlich nebeneinander oder verteilt sie über das Blatt, fügt Bilder hinzu oder lässt den Text für sich stehen.

Inspiration ist alles

So zerlegt der Berliner Carsten Schneider seit Jahren täglich zwei Exemplare des Tagesspiegels und macht daraus großformatige Collagenbilder. Zum Beispiel nur mit dem Wörtchen „um“, dafür hundertfach. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller macht Gedichte aus Zeitungsschnipseln. Ihre Wortcollagen bestehen aus bunten Wortfetzen, die zusammen mit einer Illustration ein poetisches Ganzes und wunderbar skurrile Bilder ergeben: „Abends schiebt jede Aprikose der anderen ein Steinchen in den Bauch“. Auch die Bloggerin Nadine Koberling fügte bei ihrer poetischen „Schnipseljagd“ Wörter und Bilder zu neuen Formen zusammen. Ein Anzugmann mit Katzenkopf, sechs Damen auf dem Dach. Ein Schiff, die „MS Arschkarte“, und „Diese Scheißzwiebel / Unterm Messer“.

Umso mehr man sich durch diese poetischen Kunstwerke scrollt, desto mehr Lust bekommt man, es selbst auszuprobieren, oder? Ich habe also gleich losgelegt und heraus kam „To-do-Liste“. Und siehe da, der Zufall und ich sind auch hier wieder bei einem meiner liebsten Themen gelandet – den Listen.

Probiert es doch auch mal! Was kommt bei euch so heraus?

Doch zurück zur Schreibblockade. Wer jetzt denkt: Das ist ja alles ganz schön, aber davon schreibt sich meine Hausarbeit nicht, dem möchte ich mein Lieblingszitat von Joe Strummer mit an die Hand geben: No input, no output. Wenn das Blinken des Cursors einen wahnsinnig macht, dann bringt es auch nichts, am Schreibtisch sitzen zu bleiben. Zumindest nicht für den Moment. Wer dann aufsteht, sich in der Schnipselkunst versucht, eine Ausstellung besucht oder ein schönes Buch liest, wird automatisch entspannter und offen für neue Inspiration. Und schwups, sitzt man schneller wieder am Schreibtisch als man gucken kann.

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