Mein Leben in Zeitschriften

Schöne Bilder und spannende Geschichten, gleichzeitig unterhalten werden und was lernen – dafür liebe ich Zeitschriften. Micky Maus, Bravo, SZ-Magazin … Wie viele verschiedene Magazine mich schon eine Zeit lang begleitet haben! Und wie schön es ist, sich einmal hinzusetzen und zu erinnern:

Meine erste Zeitschrift war das Bummi-Heft. Im länglichen Format kam das Heft daher, aus pappigem DDR-Papier, mit dem Teddybären drauf, der dem Blatt seinen Namen gab. Meine Mutter las mir die Geschichten vor und bastelte mit mir das Büchlein, das bei jeder Ausgabe dabei war. Dazu musste man die Doppelseite ganz innen herausnehmen, sie in die vorgegebenen kleineren Seiten zerschneiden, alles einmal knicken und mit dem Klammeraffen zusammentackern. Dann hatte man ein eigenes kleines Buch. Zum Lesen und Sammeln. Das erste Extra, was ich kennenlernte.

An die Wende habe ich keine Erinnerung. Wie die Nachricht im Fernsehen kam, wie ich an der Hand meines Vaters über den Grenzübergang Bornholmer Straße ging, wie jemand meiner Mutter etwas Geld in die Hand drückte, „für Süßigkeiten für die Kleine“. All das kenne ich nur aus Erzählungen. Woran ich mich aber sehr gut erinnern kann: Wie ich von West-Verwandten mein erstes Micky-Maus-Magazin geschenkt bekam – wie bunt die Farben waren! Und wieder ein tolles Extra: Rubbelbuchstaben, mit denen man seinen Namen lustig auf Schulhefte rubbeln konnte. Ich frage mich bis heute, warum sich diese Rubbelbildchen nicht durchgesetzt haben. Irgendwie haben die Aufkleber gewonnen.

Auch weiß ich noch sehr genau, dass 1992 die Olympischen Sommerspiele in Barcelona stattfanden. Weil es in meiner Bussi-Bär-Zeitschrift eine Olympiade zum Nachbasteln gab. Im Unterhemd saß ich auf dem Balkon meiner Oma, an einem Klapptisch unter der Markise, und verteilte die bunten Hürden und goldenen Medaillen, die ich aus dem Heft ausgeschnitten hatte, auf der dunkelgrünen Wachstischdecke.

Nicht Freitag, sondern Donnerstag war der beste Tag der Woche, denn da kam die neue Micky Maus raus. Und später die Bravo. Direkt nach der Schule bin ich rüber in die Kaufhalle gelaufen, habe die neuesten Ausgaben gekauft und sie wie Schätze nach Hause getragen. Dort wurde alles einmal durchgeblättert, die kurzen Seiten wie „Witze, Tipps und Tricks“ sofort gelesen, längere Geschichten waren für später. Und natürlich wurde auch gleich das Extra genauestens inspiziert. Abenteuer-Set, Furzkissen, Wabbeltiere. Und in der Bravo: Star-Sticker, Freundschaftsbänder und die Tattoos wie der Stacheldraht von Pamela Andersons Oberarm. Und natürlich die Star-Poster, mit denen auch mein jugendliches Zimmer eine Zeitlang zutapeziert war.

Sowieso waren die Extras ein großes Thema. Micky Maus und Bravo kaufte ich lange parallel, hinzu kam, je nach enthaltenem Extra, entweder die Mädchen oder die Bravo Girl. Wobei die Mädchen meist ein wenig cooler war. Man konnte mich sogar nur mit dem Extra zu einem ganz neuen Magazin bewegen: Die Zeitschrift Dinosaurier enthielt jedes Mal einen neuen Teil eines T-Rex-Skeletts, das im Dunkeln leuchtete. Und die ersten Poster, die man mit einer 3D-Brille, also einem Papp-Dino mit einer roten Folie links und einer grünen rechts, anschauen konnte.

Auch das Sammeln spielte also eine wichtige Rolle. Die Micky Mäuse ordnete ich in eigens dafür bestellte gelbe Sammelordner. Die Bravos bildeten einen hübschen, unterarmhohen Haufen. Und noch einen Sammel-Schatz galt es zu hüten: Ganz hinten in der Bravo gab es jedes Mal zwei Songbook-Karten zum Ausschneiden. Die faltete man dann in der Mitte und klebte sie mit dem Klebestift zusammen, sodass auf der Vorderseite das Foto der Band war und auf der Rückseite der Text eines aktuellen Songs – mit seiner Übersetzung in der zweiten Spalte! Endlich verstand man, was die da eigentlich singen: „Baby noch einmal“, „Peppt euer Leben auf“, „Die schöne Insel“, „Rhapsodie eines Bohemien“, „Da ist ’ne Party“ … (Erkannt, welche Songs das sind? Die Auflösung gibt’s hinten im Heft, äh, in der Fußnote.)

Mitten in dieser Phase fand ein glänzendes, großes Magazin Eingang in mein Jugendzimmer: die Max. Auf die kam ich, weil ich eine coole Freundin hatte, die solche coolen Zeitschriften entdeckte. In der Max gab es City Guides von Städten wie New York, in die wir reisen wollten, wenn wir groß sind, und glänzende Werbeanzeigen für Sachen, von denen ich noch nie gehört hatte. Parfüms von Designern, „Cheap & Chic by Moschino“, sowas. Ich ersetzte die Bravo-Poster an der Wand durch diese Werbeanzeigen. „Do you Yahoo?” stand auf einem lilafarbenen Strudelhintergrund über meinem Schreibtisch. Ich hatte keine Ahnung, was dieses Yahoo war, aber ich fand, der Slogan klang lustig.

Ich weiß nicht mehr, wann genau ich aufhörte, Micky Maus, Bravo & Co. zu lesen. Aber es muss etwa um den Jahrtausendwechsel gewesen sein, als die Young Miss bei mir alle bisherigen Zeitschriften ersetzte. Komischerweise gab ich mich damit zufrieden, dass die nur einmal im Monat erschien und kein Extra enthielt. Das nennt man dann wohl Erwachsenwerden. Die Storys interessierten mich und die Fotos fand ich immer so toll, dass ich sie ausschnitt und damit meine Kalender und Tagebücher verschönerte. Und ich liebte die Young Miss so sehr, dass meine Eltern sie mir sogar mit der Post nach Madrid nachschicken mussten, wo ich ein Auslandsjahr verbrachte.

Apropos Ausland: Als ich Kind war, war einer der besten Momente an Urlauben, dass ich mir für die Reise vorher Zeitschriften aussuchen durfte. Dieses Ritual gibt es auch heute noch bei mir. Vor einer längeren Fahrt stöbere ich in der Bahnhofs- oder Flughafenbuchhandlung und fahnde zwischen den bunten Auslagen nach alten Bekannten und neuen Entdeckungen.

Als ich älter war, konnte dieses Ritual nur noch durch eins getoppt werden: im Ausland selbst eine Zeitschrift kaufen. Wie stolz ich war, als ich mit einem englischen Magazin aus London wiederkam! Das Leben vor dem Internet war schon komisch, unter anderem gab es einfach nicht so viele Möglichkeiten, eine amerikanische Serie im Original zu schauen (ich schaute „Daria“ auf MTV), ein fremdsprachiges Buch zu lesen (so las ich „Das Parfum“ des deutschen Schriftstellers Patrick Süskind tatsächlich zuerst auf Spanisch, weil es eines der wenigen Bücher war, die Hugendubel auf Spanisch da hatte) oder eben eine ausländische Zeitschrift. Für Letzteres gab es zwar einen Laden am Alexanderplatz, aber die importierten Illustrierten waren auch teuer wie Hölle.

In meinen Zwanzigern glich mein Zeitschriftenkonsum der Findungsphase meines Lebens. Mal eine Allegra hier, eine Cosmopolitan da. Als Studentin Neon, Zeit Campus und das von Studenten gemachte, auf graues Papier gedruckte Magazin meiner Uni.

Seit einigen Jahren steht jetzt das SZ-Magazin bei mir hoch im Kurs. Weil die so gut schreiben können, dass ich selbst Artikel und Interviews zu Themen lese, die mich ursprünglich gar nicht so interessierten. Aber beim Arzt oder Friseur blättere ich auch gerne durch alle anderen Zeitschriften – und schaue mal wieder in die Bravo, um zu erfahren, was die Jugend heute so umtreibt (in: Youtuber, von denen man erschreckend wenige kennt; out: „Wenn du am Laptop den falschen Tab schließt“).

Meine Liebe zu Zeitschriften wird wohl nie versiegen. Als ich die ersten Absätze dieses Blogartikels fertig hatte, stellte ich fest, dass Donnerstag war. Woraufhin ich noch einmal wie früher den besten Tag der Woche zelebrierte, mich in die Buchhandlung aufmachte und mit drei Zeitschriften nach Hause kam. Ist das schön. Und mal sehen, vielleicht schneide ich mir ja ein paar Bilder aus und klebe sie mir an die Wand über den Schreibtisch. Es gibt viel zu entdecken, blättern wir los.

———————————–

Na, alle Originalsongs der Songbook-Karten erraten? Hier die Auflösung: „Baby One More Time“, „Spice Up Your life”, „La Isla Bonita”, „Bohemian Rhapsody”, „There Is a Party”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*