Mein allererster Job

Erst die Arbeit, dann die Berufung – bevor ich zum ersten Mal so richtig Geld wie ein Erwachsener verdiente, haben mir eine Menge Nebenjobs das Portemonnaie aufgefüllt. Am besten in Erinnerungen geblieben ist mir wohl der Job in einem Bekleidungsgeschäft – denn es war mein allererster. Wenn ich heute daran zurückdenke, stelle ich erstaunt fest, auf welche Weise dieser Job mein Bild von Arbeit geprägt hat.

Ich war 16 und um mich herum begannen alle, bei Kaufland zu jobben. Alle außer einer Freundin, die schon alleine wohnte und in einem Klamottenladen in den neuen Arcaden arbeitete. Was mir beides ziemlich imponierte. Also fragte auch ich dort nach einem Job und durfte einen Nachmittag probearbeiten. Danach fragte mich die Chefin lächelnd, ob ich mir vorstellen könnte, den Job zu machen. Ich schaute auf ihre lilafarbenen, künstlichen Fingernägel, die mit kleinen Silbersteinchen besetzt waren, dachte daran, dass ein Job ultimativ erwachsen und cool sein würde und haute tatsächlich raus: „Hier zu arbeiten, wäre ein Traum!“ Und ich war drin.

Es ging vor allem um Stehvermögen

Für 10,68 DM die Stunde war es meine Aufgabe, T-Shirts zu Stapeln zu falten, neue Pullover auf Bügel zu hängen und Garderobenmarken zu verteilen. Da wir jedoch meistens mehr Mitarbeiter als Kunden waren, ging es in der Realität vor allem um Stehvermögen. Ich war fasziniert, was für Rückenschmerzen so ein junger Körper nach einer 4-Stunden-Schicht haben kann. Und begegnete der Langeweile, indem ich mit Freundinnen quatschte, die vorbeigekommen waren. Was meine Chefin natürlich nicht gern sah, so dass sie meine Lieblingskollegin zu mir schickte, um mich zu ermahnen. Wenn die Leere allzu gähnend wurde, warfen wir füreinander T-Shirt-Stapel um, damit wenigstens einer wieder was zu tun hatte.

Am aufregendsten wurde es, wenn jemand einen leeren Holzbügel entdeckte, denn das hieß: Diebalarm! Wir hatten keine elektronische Warensicherung. Nur unsere wachsamen Augen, die sofort den Laden nach verdächtigen Personen und dem verschwundenen Kleidungsstück scannten. Meine Chefin wurde zum Tiger auf Plateausohlen und sprintete einem flüchtenden Mädchen auch mal auf der Rolltreppe hinterher, was wir anderen staunend vom Ladeneingang aus beobachteten. Später saß das Mädchen im Hinterzimmer, während wir auf die Polizei warteten, und erzählte unter Tränen, dass sie am nächsten Tag ein Vorstellungsgespräch bei der Polizei habe.

Warum sollte man hier etwas klauen?

Ich konnte das mit dem Diebstahl gar nicht nachvollziehen – die Klamotten waren absolut nicht mein Stil. Obwohl ich 30 Prozent Mitarbeiterrabatt bekam, kaufte ich in den elf Monaten, die ich in diesem Geschäft arbeitete, gerade mal einen Gürtel mit einer Smiley-Gürtelschnalle (was dann erstaunlicherweise mein Stil zu sein schien). Manchmal war ich sogar das Gegenteil von einem Dieb: wenn ich zur Bank geschickt wurde. Da bekam ich dann den Beutel mit den eingenommenen Geldscheinen von zwei Tagen, steckte ihn in meine rote Tasche und fuhr die eine Station mit der U-Bahn zur Bank. Und bin dabei fast gestorben, weil ich dachte, jeder sieht mir an, dass ich einen Geldbetrag in der Tasche habe, der meinem Jahresgehalt als Nebenjobberin entspricht.

Pünktlich um 19:30 Uhr begannen wir immer gut gelaunt, alle Ständer nochmal durchzugucken, den Laden zu fegen und die hohen Glastüren zuzuschieben. Weil ich unter 18 war, durfte ich leider nie an die Kasse, aber ich mochte es, meiner Kollegin dabei zuzusehen, wie sie die Einnahmen auf Russisch zählte. Ich wurde bis 20 Uhr bezahlt, doch manchmal erspähte meine Chefin von ihrem Tresenthron aus auch um halb neun noch ein schief hängendes T-Shirt in der hinteren Ecke, was ich geradezurücken hatte. Dann folgte endlich die Taschenkontrolle und ich hatte Feierabend.

Der geheime Gang

Was ich von diesem Job mitgenommen habe: Die Erfahrung, hinter die Kulissen schauen zu dürfen. Das kennenzulernen, was man als Kunde nicht sieht. Dazu zählten einmal das Hinterzimmer, in dem meine rauchenden Kolleginnen sich jede Stunde für fünf Minuten zurückzogen, und das Lager mit seinen hohen Regalen voller Kleidung in Plastiktüten, die wir aus den täglich frisch angelieferten Paketen holten. Aber das Beste verbarg sich hinter einer dritten Tür: der geheime Gang.

Zum Ende einer Schicht hin trat und zerrte ich die Pappkartons flach, drapierte sie in einen Einkaufswagen, gab meiner Freundin vom Reformladen gegenüber ein Zeichen – und verschwand im Gang. Sie zündete sich eine Zigarette an und wir schlenderten gemeinsam mit unseren Tagespappladungen an den Hintertüren der Geschäfte vorbei. Bis sich am Ende eine riesige Halle auftat und der Gang vor dem Abgrund eines offenen Papiercontainers endete. Mit Schmackes warfen wir unseren Müll hinein, sie drückte ihre Zigarette aus, ich erzählte die Geschichte vom Wochenende zu Ende und langsam ging es wieder zurück.

Ein zweifelhaftes Bild von Arbeit

Das also war meine erste richtige Erfahrung mit dem Thema Arbeit. Manch einer hätte sich vielleicht in seinen ersten Job gestürzt, um sich einen Urlaub zu finanzieren oder den Führerschein. Andere haben sich schon immer für Mode interessiert und hätten es genossen, den Kundinnen Outfits zusammenzustellen, sie zu beraten und am Ende des Monats ihr ganzes Gehalt für Paillettenoberteile und bedruckte Jeans auszugeben. Wieder andere mochten nicht am Schreibtisch sitzen, sondern wollten was Praktisches machen.

Nichts davon traf auf mich zu. Meine Beweggründe waren Unabhängigkeit und Coolness. Für eine eigene Wohnung haben die 300 Mark im Monat nicht ganz gereicht. Und cool kam ich mir eigentlich nur vor, wenn ich im geheimen Gang verschwand. Stattdessen brannte sich bei mir ein eher zweifelhaftes Bild von Arbeit ein. Arbeit bedeutete Langeweile. Arbeit bedeutete Stehen und Rückenschmerzen. Arbeit bedeutete nicht mit den anderen ins Kino gehen zu können, Hausaufgaben spätabends machen zu müssen und mittwochs schon schlechte Laune zu haben, weil man donnerstags, freitags und samstags eingeteilt war.

Ein ungekanntes Gefühl von Freiheit

Arbeit wurde zu dem, wovor es zu flüchten galt. Pro Stunde einmal auf die Toilette verschwinden, den Gang zur Bank übernehmen, die Pappkartons wegbringen. Sich im Kopf woanders hinbeamen und mit dem Mund weiterlächeln. Arbeit war das, was keinen Spaß machte und so sinnlos war, dass man sich an wiederum sinnlosen Spielchen wie dem T-Shirt-Stapel-Umschmeißen festkrallte. Arbeit war Auf-die-Uhr-Starren, weswegen ich mir nach der ersten Woche angewöhnte, meine Armbanduhr vor der Schicht abzunehmen.

Nach knapp einem Jahr schaute ich lächelnd auf die aktuell rosafarbenen langen Fingernägel meiner Chefin und sagte ihr, ich würde jetzt bei ihr aufhören. Ich ließ sie noch ein letztes Mal meine Tasche kontrollieren und ging. Draußen auf der Schönhauser Allee roch ich die kühle Abendluft und genoss ein ungekanntes Gefühl der Freiheit. Bis ich ein Jahr später als Promoterin für ein Frauen-Fitnessstudio auf der Straße stand …

Und ihr?

Was war euer allererster Job? Und was hat euch dieser Job für ein Bild von Arbeit vermittelt?

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