Kreativ schreiben: Die Liste als Gedicht

Ich liebe Listen. Steht etwas erst auf einer Liste, ist es halb getan. Steht etwas auf einer Liste, hat es Wert. Was auf der Liste steht, ist spontan, ungeformt, der pure Gedanke. Dass eine Liste unter bestimmten Umständen aber eben auch literarisch sein kann, haben wir bereits am Beispiel der Stadtaufschreibung gesehen. Doch was für andere Arten von Listen gibt es, die wir ruhigen Gewissens mit dem Schriftzug „Gedicht“ bestempeln können? Hier eine Liste.

1. Das Selbstportrait

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag könnte man wohl als die Königin der Listen bezeichnen. In ihren Tagebüchern1 finden sich unzählige Listen, die ein sehr persönliches Bild von ihr ergeben: Wortlisten („Metzelsuppe / Satura / Sukkulente“, 74), Bücherkauflisten („Henry James: Tagebuch eines Schriftstellers“ / „Dostojewski: Der Idiot“ / „Cassirer: Was ist der Mensch?“, 64) oder selbstauferlegte Regeln („1. Bessere Haltung. / 2. Dreimal die Woche Mutter schreiben. / 3. Weniger essen. / 4. Mindestens zwei Stunden pro Tag schreiben“, 162). Noch direkter charakterisiert sich Sontag in kleinen Selbstbefragungen, wie wir sie aus den Freundebüchern unserer frühen Jugend oder aus den Bio-Angaben mancher Blogger und Twitterer kennen:

„Was macht mir Freude?

Musik
Verliebt sein
Kinder
Schlafen
Fleisch“(124)

2. Die Dokumentation

Etwas abschreiben – verpönt in der Schule, obwohl schon damals eine bestimmte Kunst dahintersteckte: die Auswahl dessen, was man abschreibt. Und wie man es in sein eigenes Werk einbettet. So hielt Barbara Marković die Stadt Graz fest, indem sie sämtliche Beschriftungen dreier Plätze abschrieb. Und so hat der Dichter Peter Handke „Die japanische Hitparade vom 25. Mai 1968“ (68) abgeschrieben. Was zunächst irritierend wirken mag, eröffnet uns eine Beschäftigung mit dem Gegenstand, die sich eben nicht auf den ersten Blick offenbart.

Stellt man einen städtischen Mülleimer in ein Museum, beschäftigen sich die Menschen zum ersten Mal mit dem Design, der Farbe, den Abnutzungsspuren und den Aufklebern darauf. Der neue Kontext gibt die Gelegenheit. Kaum finden wir die japanische Hitparade in einem Buch namens Leben ohne Poesie. Gedichte2, erlangt sie für uns Bedeutung und wir beginnen zu fragen und zu assoziieren: Warum hat Handke gerade die Hitparade von diesem Tag gewählt, und warum gerade die japanische? Die Beatles und die Bee Gees erkennen wir wieder, aber die meisten Bands und Songtitel sagen uns gar nichts; sofern wir kein Japanisch können, verstehen wir die Worte nicht einmal. Aber: Sie klingen schön. Exotisch. Und: Heute haben wir das in zwei Sekunden gegoogelt, aber 1968? Wo ist Handke auf dieses Fundstück gestoßen?

3. Die Überraschung

Der Mensch gewöhnt sich an die Dinge, um Energie zu sparen. Deswegen sind wir mit den Gedanken woanders, wenn wir duschen, Zähne putzen, die Kaffeemaschine anschmeißen. Und deshalb langweilen uns Wörter und Wortkombinationen, die wir schon tausend Mal gelesen haben. Wollen wir die Aufmerksamkeit der Menschen, heißt die Lösung also: ungewöhnliche Kombinationen. Funktioniert nicht nur bei Listen, sondern bei jeglicher Art von Kunst. Die Listen im Buch magazine3 des amerikanischen Songwriters Adam Green enthalten kleine Geschichten für sich: „37. Eine Flasche U-Bahn-Saft“ (75), „4. Ich vergaß in dieser Minute 59 mal, daß ich dich liebe“ (83), „1. Ein grüner Nylonhummer“ (84), „5. Nokay“ (84). Dass ein Listenpunkt dabei auch selbst noch eine Liste sein kann, zeigt diese pragmatische Erkenntnis: „1. Dinge, die ich morgen brauche: Job, Seife, Handtuch, Decke, Becher, Lichtschalter, Vordertür“ (83).

4. Der Klang

Poesie ist Klang. Die Wahl der Wörter in einem Gedicht und ihre Zusammenstellung sind nicht zufällig, sondern sorgfältig ausgewählt, ein Text muss klingen. Wie schon anhand Susann Körners Kassenbonpoesie gezeigt, können Rhythmus und Reim selbst aus einem schnöden Kassenbeleg ein literarisches Fundstück machen. Ein rhythmisierendes Element ist hier die Wiederholung. So verwandelt Körner in einem ihrer Werke mittels Kassenbonsprache den Namen eines italienischen Weißweins in die formelhafte Wendung „EST! EST! EST!“. Produkte wie „PARADIESCREME“ und „KÜHNE GÜRKCHEN“ werden nun aufgezählt, und zwischendurch immer wieder: „EST! EST! EST!“, bis das Ganze in einer überraschenden Gegenaufforderung mündet: „EST! EST! EST! / SPARSAM MORTADELLA“.

5. Die Pointe

Auch Ernst Jandl nutzt den gleichförmigen Klang der Wiederholung in seinem Gedicht „markierung einer wende“4. Unter der Zahl „1944“ listet er das Wort „krieg“. In einer zweiten Spalte mit der Überschrift „1945“ geht es so weiter und erst die fünfte Zeile ändert mit einem Schlag alles: „mai“. Erst durch dieses letzte Wort wird klar: Alles davor waren die Monate, zwölf Mal Krieg im Jahr 1944. Krieg ersetzt alles, auch die Monate, es ist nicht Dezember, es ist Krieg. Und genauso wie vorher unendlich lange Krieg zu sein schien, ist dann plötzlich Mai. So ist es ausgerechnet die rational anmutende Form der Liste, mit der Jandl uns, die diesen Moment nicht miterlebt haben, ein sehr großes und sehr spezielles Gefühl vermittelt.

6. Die Wahrnehmung

Ähnlich der Dokumentation hält eine Wahrnehmungsliste etwas Bestimmtes fest, ohne es zu kommentieren. An einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit wird alles notiert, was da ist. Der Schriftsteller Georges Perec hat es so an einem Platz in Paris gemacht und damit ein farbenfrohes und detailgenaues Bild dieses Platzes geschrieben. Auch der britische Künstler Richard Long hat auf diese Weise ein Werk geschaffen, das man als „Listenbild“ bezeichnen könnte: 60 Minute Walk ist ein schwarz-weißer Hintergrund, auf dem in weißen Großbuchstaben alle Dinge auf die Leinwand gebannt sind, die Long auf einem Spaziergang durch den Westen Texas in einer Stunde gesehen, gerochen und gefühlt hat: gelbe Blumen, Brummen, großer Himmel, lila, Schnappen, Hufspuren, kein Wasser, Maultierohrenspitzen. Und am Ende: Stille.

Diese 6 Arten, eine literarische Liste zu schreiben, können den Anstoß geben zu vielen eigenen experimentellen Listen: die Selbstbefragung, was man als Kind alles gesammelt hat, das Spiel mit dem Klang eines Lieblingswortes, eine Auflistung aller Menschen, die in einer Stunde am Lieblingscafé vorbeikommen, der Inhalt des Kühlschranks­ … so viele Ideen … ich mach mir gleich mal eine Liste.

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1. Susan Sontag: Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963; aus dem Englischen von Kathrin Razum, Carl Hanser Verlag, München, 2010.

2. Peter Handke: Leben ohne Poesie. Gedichte; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2007.

3. Adam Green: magazine; aus dem Amerikanischen von Thomas Meinecke, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2005.

4. Ernst Jandl: mal franz mal anna. Gedichte; Reclam, Stuttgart, 2012.

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