„Hin und wieder sollten wir mit Abstand auf unser Leben blicken“ – Interview mit Tobi über sein Sabbatical

Es muss nicht immer gleich ein ganzes Jahr sein: Auch drei Monate Auszeit können reichen, um lang gehegte Träume zu verwirklichen und den Blick aufs eigene Leben zu verändern. Das beste Beispiel ist Tobi, der das Konzept Sabbatical in seiner Firma einführte und sich selbst Ende 2015 nach Neuseeland aufmachte.

Foto: Tobi

Warum wolltest du ein Sabbatical machen?

Ich wollte schon immer mal nach Neuseeland und wusste, dass ich mit sechs Wochen Jahresurlaub dieses Land niemals so würde erleben können, wie ich wollte. Als Student hatte ich auf einer Info-Veranstaltung zum ersten Mal vom Konzept Sabbatical gehört. Da ging es vor allem um Work and Travel. Das wollte ich zwar nicht machen, aber Neuseeland als Reiseziel hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Außerdem brauchte ich nach fünf Jahren als Unternehmensberater dringend eine Pause von den 60-Stunden-Wochen. Beratungen bieten flexible Möglichkeiten bei der Gestaltung der Arbeitszeit, verlangen aber auch viel Einsatz. Letztendlich hängen dein Renommee und dein Gehalt an der Anzahl der Stunden, die du investierst.

Welche Möglichkeiten eines Sabbaticals gab es damals in der Unternehmensberatung, bei der du angestellt bist?

Gar keine, die Firma wusste bis dahin nichts von Sabbaticals. Ich war der Erste, der danach gefragt hat – zusammen mit meiner Kollegin Annika. Wir beide haben dann das Modell Sabbatical in unserem Unternehmen entwickelt.

Der Deal bei uns war damals, dass wir so viel Zeit bekommen, wie wir brauchen, und in dieser Zeit nicht bezahlt werden. Allerdings habe ich die Auszahlung meines Jahresbonus auf die drei Monate aufteilen lassen. So hatte ich ein Einkommen und musste mich weniger um organisatorische Dinge wie meine Krankenversicherung kümmern. Die ersten großen Posten Flug und Ausrüstung habe ich mit meinen Ersparnissen finanziert.

Warum gerade Neuseeland?

Ich mag es sehr, in der Natur zu sein. Und ich mag Orte nicht, die sehr voll sind. Zählt man beides zusammen, landet man recht schnell bei Neuseeland. Nirgendwo sonst findet man so viele Klimazonen auf so kleinem Raum. Das Land hat eine ganz spezielle Fauna und Flora, viele Lebewesen gibt es nur dort und viele leider auch schon bald nicht mehr. Es war also höchste Zeit.

Warum nur drei Monate und nicht länger?

Drei Monate waren genau richtig: Das war lang genug, um die Orte zu bereisen, die ich sehen wollte, und kurz genug, um es spontan zu machen. Die Vorstellung bei meinem Chef war im April, der Flug ging im Oktober. Für eine längere Reise hätte ich länger sparen oder nebenbei arbeiten müssen. Und auch seitens meiner Firma hätten sechs oder gar zwölf Monate mehr Zeit zur Vorbereitung erfordert.

Foto: Tobi

Wie sah deine Route aus, wie viele Stationen hattest du?

Ich war den ganzen Oktober über auf Bali, von November bis kurz vor Weihnachten in Neuseeland und dann noch ein paar Tage in Australien. Ich hatte mir die Reiseroute grob im Voraus überlegt und Flüge und Unterkunft für den ersten Monat gebucht. Der Rest wurde dann unterwegs organisiert.

Gewohnt habe ich die meiste Zeit in einem Campervan. Das ist ein Minivan mit eingebautem Bett und Kühlschrank. In Neuseeland und Australien kann man die Dinger auf Autobörsen oder im Internet kaufen, selber bauen oder mieten. So einen Van zu nehmen und einfach draufloszufahren kann ich nur empfehlen.

Was waren deine persönlichen Highlights?

Die Natur in Neuseeland war wirklich überwältigend. Ich habe eine Einheimische kennengelernt, die mir den neuseeländischen Busch zeigte und mich zu einem ehrenamtlichen Beach-Clean-up mit Strandführung für die Kinder aus der Gegend mitnahm.

Aber ebenso hat mich die spirituelle Identität der Balinesen beeindruckt. Und die Lebensqualität der Neuseeländer und Australier, die haben eine ganz andere Einstellung zur Arbeit.

Außerdem bin ich viel gesurft. Das stand und steht bei mir ganz oben auf jeder Liste.

Du hattest vorher eine 60-Stunden-Woche – hast du dir in deiner Auszeit auch so viel vorgenommen oder im Gegenteil erstmal gar nichts?

In der ersten Woche auf Bali habe ich einfach gar nichts gemacht. Das war auch bitter nötig. So viel hatte ich noch nie zuvor geschlafen.

Danach hatte ich dann ziemlich schnell wieder einen sehr vollen Kalender, mit Besichtigungen, Sport, Partys und Herumreisen. Erst kurz vor Australien hatte ich endlich das Gefühl, meinen Rhythmus gefunden zu haben. Da war die Reise aber auch schon fast vorbei. Würde ich nochmal losfliegen, würde ich mir selbst viel mehr Tage ohne Pläne und Termine verordnen. Ich hatte unterschätzt, wie anstrengend es sein kann, wenn man monatelang unterwegs ist und ständig neue Eindrücke zu verarbeiten hat.

Wie ging es nach dem Sabbatical für dich weiter?

Ich wusste, dass ich wieder in den alten Job einsteigen würde, mit dem ich bis heute sehr zufrieden bin. Aber der Übergang war schwer. Vieles, was ich in meinem Leben vorher für normal gehalten hatte, kam mir plötzlich irgendwie sinnlos vor. Gleichzeitig war ich aber auch voller Energie und habe viel verändert. Einiges davon hält bis heute.

Hast du noch die 60-Stunden-Wochen? Und was hat sich verändert?

Manchmal arbeite ich schon noch 60 Stunden, aber das mache ich jetzt nur noch, wenn mich etwas wirklich persönlich interessiert. Wird es mir doch zu stressig, breche ich heute Projekte auch mal ab.

Außerdem habe ich Yoga ausprobiert, ein paar handwerkliche Experimente gemacht und versucht, mich selbstständig zu machen. All das war zwar nicht von Dauer, aber allein die Erfahrung hat sich gelohnt.

Foto: Tobi

Generell habe ich meine hauptsächliche Quelle für Motivation und Zufriedenheit von der Arbeit auf die Freizeit verschoben. Die Karriere kommt bei mir jetzt erst an zweiter Stelle. Abgesehen davon nehme ich das Leben nun viel leichter, bin aktiver und ausgeglichener. Das habe ich von den Neuseeländern gelernt – so ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Karriere und Zukunft hatte ich noch nie erlebt.

Was steht jetzt an erster Stelle?

Familie und Freizeit. Vor allem die vielen Dinge, die ich schon lange vor mir herschiebe. Ich fahre wieder Skateboard, habe ein paar Gedichte und Geschichten geschrieben und möchte Ukulele spielen lernen. Außerdem meditiere ich seit dem Sabbatical und lebe gesünder.

Ich bin häufiger draußen, abends oder am Wochenende. Ich genieße Kultur wie Konzerte oder Ausstellungen ganz anders und unternehme Dinge, die ich noch nie gemacht habe. Es ist einfach die Bandbreite an Aktivitäten, die größer geworden ist.

Ich habe erkannt, dass mich die Fixierung auf eine Beraterkarriere nicht dorthin bringt, wo ich mal sein will. Und dass Zeit viel kostbarer ist als Geld.

Würdest du anderen auch ein Sabbatical empfehlen?

Auf jeden Fall. Ich glaube, dass wir hin und wieder mit Abstand auf unser Leben blicken sollten. Das hilft, Fehler zu erkennen, Grundlegendes zu verändern und gesünder weiterzumachen. Wertvoll ist so eine Auszeit garantiert.

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