„Ich wollte einfach länger reisen“ – Interview mit Annika über ihr Sabbatical

Ein halbes Jahr lang ist Annika durch Südamerika gereist. Und das, ohne ihren Job an den Nagel zu hängen. Sie hat die Möglichkeit eines Sabbaticals genutzt. Das hat mich natürlich interessiert: Wie hat sie ihre Auszeit finanziert? Was hat sie alles erlebt und wie ist es, danach wieder zurückzukommen?

Foto: Annika

Wie kamst du darauf, ein Sabbatical zu machen – hast du bei deinem Arbeitgeber zum ersten Mal davon gehört oder kanntest du das Konzept schon vorher?

Ich kannte es vorher schon, aber eher von Lehrern oder Beamten, die ein paar Jahre darauf hinsparen und dann ein Jahr aussetzen können. Ich bin Key Account Managerin bei einem Kosmetikhersteller und hatte das nie in direkten Zusammenhang mit mir und meinem Job gebracht. Um die Mitarbeiter zufriedener zu machen und an das Unternehmen zu binden, wurden vor einiger Zeit bei uns Maßnahmen wie das Sabbatical entwickelt. Wenn man drei Jahre im Unternehmen ist, kann man sich eine Auszeit von bis zu einem Jahr nehmen. Ich war ein halbes Jahr weg.

Was war bei dir der Anlass, diese Möglichkeit in Anspruch zu nehmen?

Ich wollte eigentlich immer noch mal reisen, das war meine Hauptmotivation. Also länger zu reisen. Als Angestellte kannst du ja höchstens mal zwei Wochen Urlaub nehmen, drei Wochen muss man sich bei uns schon erkämpfen.

Also hast du einen Antrag gestellt?

Ja, das war megaspontan. Letztes Jahr im Juli saß ich mit einer Freundin zusammen, die auch in meinem Unternehmen arbeitet. Wir kamen auf das Thema und stellten fest: Okay, wenn wir noch diesen Winter starten wollen, müssen wir das jetzt beantragen. Denn man muss den Antrag ein halbes Jahr vorher abgeben und wir wollten unbedingt einen Teil des deutschen Winters weg sein. Also Hopp oder Flop. Wir haben es dann parallel beantragt und auch bekommen. Im Februar sind wir los.

Foto: Annika

Woher hattest du das Geld für die Auszeit?

Ab dem Antrag hatte ich sechs Monate Zeit, um Geld zu sparen. Das hat so mehr oder weniger geklappt. Ich habe versucht, alle Ausgaben zu reduzieren, mich auf das Nötigste zu beschränken – also keine Klamotten mehr zu kaufen, nicht mehr groß auszugehen. Trotzdem musste ich mir noch etwas von meinen Eltern leihen. Erst wollte ich mir das nicht eingestehen, aber als ich merkte, dass ich es gerade so auf den Cent hinbekommen würde, habe ich gedacht: Dann leihe ich mir etwas als Back-up und zahle es danach direkt wieder zurück. Das ist der Vorteil, wenn man wieder zurückkommt – ich wusste ja, dass ich sofort wieder Geld verdiene.

Mit wie viel Geld hast du kalkuliert?

Wir haben einfach mal mit 2.000 Euro pro Monat gerechnet. Das ist ein Batzen Kohle. Aber wir wollten immer unser Privatzimmer haben, nicht in Dorms, also geteilten Schlafräumen übernachten müssen, und eben auch auf nichts verzichten.

Ihr seid ein halbes Jahr zusammen durch Südamerika gereist – warum gerade Südamerika und keine Weltreise?

Wir hatten keine Lust, komplett durch die Gegend zu hetzen und alle drei Tage irgendeine Sehenswürdigkeit abzuhaken. Deshalb haben wir uns gegen eine Weltreise entschieden. Wir wollten uns lieber fokussieren und Südamerika war in meiner Vorstellung – und das hat sich auch so bestätigt – kulturell sehr ansprechend. Du kannst die Sprache lernen und dadurch mit den Menschen reden, die dort wohnen, mit ihnen in Verbindung treten, in ihre Kultur eintauchen.

Foto: Annika

Konntet ihr Spanisch?

Na ja, ich hatte ein Jahr Schulspanisch und meine Freundin zehn Stunden an der Volkshochschule … wir waren also gleich auf. Wir haben dann als Erstes einen zweiwöchigen Grundkurs in Buenos Aires gemacht, da wurden so ein paar Grundsteine gelegt. Und dann hast du einen ganzen Kontinent, wo du fast überall Spanisch sprechen kannst.

Wie ging es weiter?

Wir haben uns die Iguazú-Wasserfälle an der Grenze zu Brasilien angeschaut. Danach waren wir in Paraguay zum Karneval. Das war eine Empfehlung vom Lonely Planet, so als Gegenpol zu Rio. Encarnación heißt der Ort. In Patagonien haben wir uns wandernd die Bergwelt erschlossen. Dann an die Küste Chiles, nach Valparaíso, einer Künstler- und Studentenstadt, die voll ist mit Graffitis. Von dort aus sind wir in die chilenische Wüste. Da hast du nachts die Milchstraße über dir herlaufen, das ist etwas ganz Anderes als in der Stadt. Danach stieß der Freund meiner Freundin für drei Wochen dazu. Damit der auf seine Kosten kam, haben wir uns in Bolivien und Peru vor allem die Highlights angeschaut: Salzwüste, Titicacasee, Machu Picchu …

Was hat dich am meisten beeindruckt?

In jedem Land gab es etwas, das mich beeindruckt hat. Das hat schon angefangen mit den Iguazú-Wasserfällen. Da kannst du den Boden nicht sehen, weil so viel Wasser wieder hochgespritzt kommt, so viel Wucht ist dahinter. Das hat so eine magische Wirkung. Es ist megaschwül und du kriegst die ganze Zeit das Wasser der Wasserfälle ab – das hypnotisiert dich total. Irgendwo stand geschrieben: „als ob dich Glück anspritzt“, und da dachte ich noch: Oh mein Gott, wie kitschig – wir gucken uns doch nur einen Wasserfall an. Aber es ist wirklich so, du stehst davor, starrst in diesen Wasserfall und kannst einfach nicht weggucken. Dann sind da auch noch Regenbögen drüber. Das ist so eine enorme Naturkraft, die da wirkt. Das war das erste krasse Naturerlebnis auf unserer Reise. Und so ging es immer weiter.

Foto: Annika

Vorher denkst du: Aha, eine Salzwüste. Und dann stehst du da und alles um dich herum ist einfach nur weiß und flach, wie eine Eisfläche, und du kannst da drüberlaufen. Das sind einfach so Weiten, da kommt dein Gehirn ja erstmal gar nicht drauf klar.

Das klingt alles nach einem straffen Programm …

Ja, der Freund hat ja normal gearbeitet, wir mussten ihm also schon genau sagen, wann wir uns wo treffen. Deshalb waren die ersten drei Monate am Ende organisierter, als wir uns das vorgestellt hatten. Wir hatten schon viel Programm, aber auch immer mal wieder Ruhetage. Und dazwischen ja auch die krassen Distanzen. In Argentinien saßen wir teilweise einen ganzen Tag lang im Bus. Das bringt einen auch irgendwie zur Ruhe.

Die zweite Hälfte war nicht mehr so verplant, da haben wir mehr in den Tag hineingelebt und sind auch mal an einem Ort für längere Zeit versackt. Wir konnten vom Hostel aus ins Meer fallen, surfen lernen. Oder wir sind einfach im Hostel geblieben, haben mit den Freunden der Besitzer gequatscht, für alle gekocht, im Dschungel Volleyball gespielt.

Wie war es wieder zurückzukommen?

Zehn Tage, bevor ich arbeiten musste, war ich wieder hier. Im August war das. Ich bin erstmal Strecken zu Fuß gegangen, die ich vorher immer mit dem Fahrrad oder der U-Bahn gefahren war. Ich habe mich mit einer Freundin am Rhein verabredet und bin einfach von zu Hause losgelaufen. Sonst hast du da weder Zeit noch Muße für, aber ich war in dieser schizophrenen Übergangswelt. Auf Reisen bist du ja immer in Bewegung. So ein paar Sachen habe ich also kurzzeitig übernommen, wie dass ich viel gelaufen bin. Das mache ich jetzt auch nicht mehr.

Diese Zeit war noch nicht so schlimm, weil ich trotzdem noch die Freiheit hatte, dass ich noch nicht arbeiten musste. Das kannte ich ja auch nicht mehr – hier zu sein und so viel frei an einem Stück zu haben. Ich habe mich wieder wie in der Studentenzeit gefühlt, nur dass ich nicht lernen musste.

Aber dann wieder in diesem Bürokomplex zu sein, das war schon ein harter Cut. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, wieder zurück in diese Arbeitswelt zu kommen, in dieses alte Leben, das einem teilweise so banal vorkommt. Du bist einfach in einer ganz anderen Welt gewesen. Auch wenn du nichts machst, bist du trotzdem immer unterwegs, du hängst ja nie mal einen Tag auf der Couch ab, du bist so viel draußen. Und auf einmal saß ich wieder zehn Stunden am Tag drinnen, an einem Ort. Am Anfang habe ich mich eingesperrt gefühlt, in diesem Gebäude. Ich fand das so freiheitsberaubend. Es hat eine Woche gebraucht, bis dieses Gefühl langsam abflaute.

Würdest du anderen auch ein Sabbatical empfehlen?

Auf jeden Fall. Wenn du die Möglichkeit hast und es dich reizt, solltest du es machen. In meiner Firma kamen auch so Sprüche wie „Hast du nicht Angst, dass du es bereust, dass die dich danach auf eine viel schlechtere Position setzen?“, so nach dem Motto: „Dann ist es mit deiner Karriere auf jeden Fall vorbei!“ Aber dann hätte ich eben gekündigt. Mein jetziger Job ist karrieremäßig sogar höher als vorher, ich habe einen wichtigeren Kunden und mehr Verantwortung bekommen.

Foto: Annika

Manche machen sich auch Sorgen, dass man ein halbes Jahr nicht in die Rentenversicherung einzahlt. Aber da habe ich lieber weniger Rente, als dieses Sabbatical nicht gemacht zu haben. Bei der Lehrer-Variante bekommst du eine bestimmte Zeit lang weniger Gehalt, das du dann aber in der freien Zeit weiter ehältst, da hast du das Problem nicht. Deswegen war meine Lösung jetzt auch nicht die sozialste gewesen, man musste sich selbst krankenversichern. Es gibt Leute, für die ist das gar nichts und das ist auch okay. Aber wer sich das vorstellen kann: Mach es auf jeden Fall!

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