„Ich hatte das schwäbischste Schwäbisch von allen“ – Interview mit Kerstin

Was passiert mit ihrem Dialekt, wenn eine Schwäbin ins Rheinland zieht? Welche Wörter sind typisch Schwäbisch und wie ist das mit der Aussprache? Mit Kerstin habe ich zusammen Literaturübersetzen in Düsseldorf studiert. Dass sie ursprünglich aus Baden-Württemberg kommt, hört man ihr heute kaum noch an. Für die Reihe „Dolle Dialekte“ habe ich mit ihr über den schwäbischen Dialekt gesprochen.

Kerstin im Café

Wo kommst du her und wie lange lebst du schon in Düsseldorf?

Ich bin 2006 zum Studieren nach Düsseldorf gezogen, also vor 11 Jahren. Ursprünglich komme ich aus Schwäbisch Hall.

Spricht man da Schwäbisch? Ich habe gelesen, das sei fränkisch geprägt.

Das kann ich dir gar nicht so genau sagen. Eigentlich spreche ich das Schwäbisch aus dem Nordschwarzwald, wo meine Eltern herkommen. In Schwäbisch Hall spricht man Hohenlohisch. Das unterscheidet sich ein bisschen. Bestimmte Wörter, die man in Schwäbisch Hall benutzt, würde man im Schwarzwald nie benutzen – zum Beispiel „es rechert“ für „es regnet“. Das hätte ich aber nie gesagt. Ich habe mich immer eher an meinen Eltern orientiert.

Hast du früher stark geschwäbelt?

Ja. Ich hatte auf jeden Fall immer das schwäbischste Schwäbisch von allen in meiner Klasse.

Hast du das auch selbst gemerkt?

Klar wusste man, dass man Schwäbisch spricht und dass das kein Hochdeutsch ist. Aber bei vielen Wörtern, die ich immer für Hochdeutsch gehalten hatte, habe ich erst später erfahren, dass die gar kein Hochdeutsch sind. Zum Beispiel im Unterricht „strecken“ für „sich melden“. Ich dachte immer, das wäre ganz normal. Das habe ich dann erst im Studium gelernt, in der Schule haben das ja alle so gesagt.

Musste man bei irgendeiner Gelegenheit Hochdeutsch reden oder hast du das erst gelernt, als du nach Düsseldorf gekommen bist?

Ich habe wirklich erst angefangen Hochdeutsch zu reden, als ich hierhergekommen bin. In der Schule hatten wir ein paar Lehrer, die nicht aus der Region waren und Hochdeutsch geredet haben, aber das waren ganz wenige. Die meisten waren Schwaben und haben auch im Unterricht geschwäbelt.

Und dann kamst du hier nach Düsseldorf.

Genau, da habe ich automatisch angefangen Hochdeutsch zu reden. Am Anfang ist mir das wirklich schwergefallen. Ich fand es anstrengend und war viel müde, weil man sich schon konzentrieren musste, die ganze Zeit immer Hochdeutsch zu reden. Jetzt ist es nicht mehr so.

Musstest du Hochdeutsch reden, damit die anderen dich verstehen?

Nein, ich hätte auch Schwäbisch reden können. Und man hätte mich wohl auch verstanden, so krass war es jetzt nicht. Aber es wäre komisch gewesen, weiter Schwäbisch zu reden, wenn alle mit mir Hochdeutsch reden.

Und dann hast du es bewusst gemacht? Ich habe das Berlinerische ja auch abgelegt, aber ich bin nicht hierhergekommen und habe gesagt: So, ab jetzt rede ich Hochdeutsch. Es ist dann irgendwann so gekommen, aber ich habe nie beschlossen, nicht mehr zu berlinern.

Doch, bei mir war es schon so. Ich kam hier an und habe dann bewusst Hochdeutsch geredet.

Aber wenn du das vorher nie gemacht hast, woher wusstest du dann, wie Hochdeutsch geht?

Das kam nach und nach. Man hat ja dann auch neue Wörter gelernt und gemerkt, welche Wörter niemand versteht und welche eher komisch kommen.

Ich fand an unserem Studiengang toll, dass die Leute aus so vielen verschiedenen Regionen Deutschlands kamen. Wenn einem bei einer Übersetzung etwas komisch vorkam, konnte man immer fragen, wem es noch so geht.

Ja, gerade am Anfang haben wir viel diskutiert. In unserer WG lebte ja auch noch Silke aus Rheinland-Pfalz, die so ein bisschen den Saarländischen Dialekt hatte. Da gab es immer große Diskussionen, wie die Sachen heißen. Zu Möhren hat sie „Murten“ gesagt …

Wie heißen die bei dir?

Ich hätte immer ganz normal „Karotten“ gesagt. „Möhren“ habe ich mir dann erst später angewöhnt, das sagt man bei uns auch nicht. Meine Oma hätte „gelbe Rüben“ gesagt.

Gelbe? Auch wenn sie rot sind? Einfach als Name?

Ja genau. Aber wir haben immer „Karotten“ gesagt.

Wieso hat deine Oma dazu etwas anderes gesagt?

Weil sie älter war. Sie hat schon tiefstes Schwäbisch gesprochen, das andere aus Schwäbisch Hall teilweise auch nicht verstanden haben. Eine Tüte heißt dann zum Beispiel „Guck“. Oder Kleidung heißt „Häs“. Aber das sind so urschwäbische Wörter, sowas habe ich nie gesagt. Oder zum Beispiel Weihnachtskugeln: „Rallen“.

„Rallen“? „Gib mir mal die Rallen“?

Ja, „Wir brauchen noch Rallen“.

Das ist so komplett anders, da würde man nicht drauf kommen.

Was ich noch mit meiner Oma verbinde, ist „Zibeben“, das sind Rosinen. Und „Zuckerle“, das waren immer Bonbons.

Das versteht man schon eher. Und das hast du aber nie gesagt?

Nein, auch „Zibeben“ nicht. Das finde ich selber ganz lustig. Es ist auch nicht so, dass solche Wörter jetzt ausgestorben sind. Meine Verwandten, also meine Onkel und Tanten, würden das durchaus noch sagen.

Ich glaube, ich selbst habe relativ wenige Wörter verwendet, die urschwäbisch sind. Bei mir war es eher die Aussprache, dieses „hasch“, „weisch“ – das habe ich immer gemacht und das mache ich auch jetzt noch. Also wenn ich bei meiner Familie bin, sage ich immer „Hasch du des …“, „Kannsch mir mal …“.

Das verbinde ich am meisten mit dem schwäbischen Dialekt: „hascht“, „kanscht“, „weischt“ …

Genau, aber das „t“ fällt komplett weg. Also man sagt nicht „hascht“, sondern nur „hasch“.

Wirklich?

Ja, und auch nur „weisch“, nicht „weischt“.

Irre. Dann habe ich das immer falsch verstanden. Und irgendwas war doch auch mit dem „s“, oder?

Es gibt nur ein stimmloses „s“, kein stimmhaftes. Das habe ich aber auch erst hier verstanden, an der Uni. Da ging es um den Unterschied zwischen „[zɔnə]“ und „[sɔnə]“. Die Dozentin hat einmal „[zɔnə]“ gesagt und einmal „[sɔnə]“ und ich habe gedacht: Häh? Jetzt hat sie zweimal das gleiche Wort gesagt … Erst durch die vielen sprachwissenschaftlichen Kurse kam ich irgendwann darauf, dass es einen Unterschied gibt zwischen „[z]“ wie in „Hose“ und „[s]“ wie in „Füße“ – das „[z]“ ist stimmhaft. Und im Schwäbischen ist alles stimmlos.

Dadurch dass ich den Unterschied der beiden s-Laute gelernt habe, konnte ich sogar plötzlich besser Französisch sprechen. Denn da gibt es den Unterschied ja auch, zum Beispiel „cousin“ für „Cousin“ und „coussin“ für „Kissen“. Das hatte ich immer gleich ausgesprochen. Nach dem Abi ging ich als Au-pair nach Frankreich und da wurde mir auch immer gesagt: „Ach, du meinst das und das!“ Und ich habe nie verstanden, warum ich dann verbessert wurde. Erst hinterher habe ich es dann begriffen. Und witzigerweise habe ich später noch mal meine Au-pair-Familie besucht und die meinten auch: „Deine Aussprache ist ja viel besser geworden!“

Kennst du den „Atlas zur deutschen Alltagssprache“, diese Internetseite, bei der man auch mitmachen kann?

Ja, davon habe ich schon gehört. Da gab es auch diese Umfrage, wie man den Rest eines Apfels nennt.

Ich glaube, das war sogar eines der Wörter, für die es kein hochdeutsches Wort gibt. Und? Wie sagt man im Schwäbischen dazu?

„Butzen“ haben wir immer gesagt.

„Griebsch“ hieß das in Berlin, „Apfelgriebsch“.

Das habe ich auch schon oft gehört.

Und hier aber auch wieder ganz anders.

Irgendwas mit „K“, glaube ich. „Kitsche“ oder so.

Und gibt es Wörter aus der Region Düsseldorf, die du gelernt hast und die nicht Hochdeutsch sind? Ich finde ja „usselig“ ganz toll, das sie hier zu ungemütlichem Wetter sagen. Da wüsste ich nicht mehr, was ich früher dazu gesagt hätte.

Was ich am Anfang total komisch fand, war dieses „Das ist was besser“ statt „etwas“. Daran habe ich mich jetzt gewöhnt, aber ich glaube, ich würde es nicht selber sagen. Und dann gibt es sowas wie „Knös“.

„Knös“? Wo hast du denn das her?

Ich weiß nicht mehr. Das ist irgendwas Ekliges, Schmieriges, zum Beispiel zwischen einer Tastatur oder Tischritzen. Das fand ich eigentlich immer ganz schön, das Wort.

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Dieser Blogeintrag erschien ursprünglich am 24. Mai 2017 auf meinem Sprachblog.

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