Die Bunte Seite #2

Neue und alte Entdeckungen. Aus Düsseldorf und der Welt. Sorgfältig ausgewählt und extrem subjektiv. Diesmal mit: einem Buch über einen Zeitungskiosk, zwei Youtuberinnen, die viel ausprobieren, und einer Kolumne, die ich förmlich verschlungen habe.

1. Traumjob Trafikant

Das Österreichische hat so schöne Wörter. Eine „Trafik“ zum Beispiel ist ein Zeitungskiosk. In Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ kommt der junge Franz Huchel nach Wien, um in einer solchen zu arbeiten. Das Buch erzählt schnell, die Dinge passieren Knall auf Fall: Sigmund Freud, das Mädchen Anezka, die Nazis.

Gleichzeitig nimmt es sich Zeit für wunderschöne Details. Mir gefiel, dass sich Franz und seine Mutter gegenseitig Postkarten schicken. Oder dass er seine Träume auf Zettel schreibt und die ins Schaufenster hängt. Oder wie er von Otto Trsnjek eingearbeitet wird: Wenn nichts Dringlicheres anstehe, solle er Zeitungen lesen. Aber nicht etwa flüchtig. Sondern alle, die es auf dem Markt und also in der Trafik gibt, „zu einem größeren Teil“, das heißt vom Aufmacher über den Leitartikel bis hin zu den wichtigsten Meldungen aus Kultur und Gesellschaft. Nur so könne man den Zeitungskäufer ordentlich beraten. Was ist denn das bitte für ein Traumjob.

Und dann die Sprache! Seethaler hat so Sachen auf Lager wie: „Der Professor hingegen war dermaßen klug, dass er sich die Bücher, die er lesen wollte, gleich auch selber schreiben konnte.“ Oder: „Und vom Verkaufsraum drang manchmal ein leises Rascheln herein. Mäuse vielleicht, dachte Franz, oder Ratten. Oder die Geschehnisse des letzten Tages, die, bereits zu ihrer eigenen Erinnerung geworden, aus den Zeitungen herausraschelten.“

Während man all diese guten Zeilen heraussaugt, hält man ein herrlich fluffiges Buch in den Händen. Das finde ich immer wichtig, diese Fluffigkeit der Seiten und des Taschenbuchdeckels. Der Buchblock ist an der Seite blau gefärbt und das Design schön schlicht mit einem Schwarz-Weiß-Bild von einem – natürlich: von einem Zeitungsleser.

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Robert Seethaler: Der Trafikant, Kein & Aber, 2014, Zitate von S. 25, 127 und 149.

2. Einfach mal machen

Wie heißt es so schön? Probieren geht über studieren. Ich bin zwar selbst der Typ, der zu einem Thema erstmal stundenlang im Internet recherchiert und mit zwei Beuteln Büchern dazu aus der Bibliothek kommt. Gleichzeitig weiß ich: Bei vielen Dingen lernt man hundertmal mehr, wenn man es einmal selbst ausprobiert. Um jedoch neue Sachen auszuprobieren, braucht man zunächst Inspiration. Womit wir doch wieder in der Bibliothek wären.

Oder bei Youtube. Dort nämlich gibt es einige Fans des Ausprobierens. Am liebsten schaue ich die New Yorkerin Lucie Fink, die sich in der Reihe „Try living with Lucie“ jeweils eine Woche einem Thema widmet. Da sind die Klassiker wie 5 Tage als Minimalistin, 5 Tage vegan oder 5 Tage früh aufstehen. Dann die ganzen „ohne“-Themen: 5 Tage ohne Müll, 5 Tage ohne Kaffee und natürlich 5 Tage ohne Handy. Aber auch 5 Tage nur Pizza essen, 5 Tage den größten Ängsten stellen und 5 Tage Spanisch lernen.

Und in Berlin testet die Youtuberin Lisa in ihren „Selbstexperimenten“, wie es ist, wenn man 7 Tage nur mit 100 Dingen auskommen darf, ohne Make-up rausgeht, sich selbst datet oder dasselbe Outfit trägt. Oder – auch hier wieder – ohne Müll lebt.

Der Nachteil an solch komprimierten Selbstversuchen ist ja, dass man in manche Lebensweisen langsam hineinwachsen muss. Wer versucht, ab sofort gar keinen Müll mehr zu produzieren, wird früher oder später frustriert sein. Schließlich muss man nach und nach herausfinden, was man alles an Beuteln und Gläsern benötigt und wo man verpackungsfrei einkaufen kann. Ebenso verhält es sich mit dem Vegansein und Minimalismus.

Das Schöne: Darum geht es ja gar nicht unbedingt beim Ausprobieren. Eine Woche unter einem bestimmten Thema zu leben, heißt vor allem sich damit zu beschäftigen. Um danach vielleicht das ein oder andere zu übernehmen. So haben sich auch bei mir einige Neuerungen aus meiner Zero-Waste-Zeit etabliert. Ich stecke Obst im Supermarkt nicht mehr in diese kleinen Tütchen, gehe immer mit Jutebeuteln einkaufen und trinke praktisch keinen To-go-Kaffee mehr. Zeit also für das nächste Experiment. „5 Tage nur Pizza“ klingt doch ganz gut oder – jetzt wo der Herbst kommt – „5 Tage Hygge“.

3. Kleine und größere Kinder

Woche für Woche habe ich im SZ-Magazin den Hinweis auf die Kolumne „Die Wehenschreiberin“ gesehen, die nur online veröffentlicht wurde. Aber ich war immer zu faul, am Computer auch wirklich mal reinzuschauen. Dann las ich mal eine Folge durch Zufall – und saugte sofort auch alle restlichen auf. Denn diese Hebammenkolumne ist so großartig geschrieben!

Unter dem Pseudonym Maja Böhler erzählt eine Hebamme aus ihrem Alltag in einer großen, süddeutschen Klinik. Alle Namen sind geändert, damit auch die richtig interessanten Geschichten auf den Tisch kommen können. Denn Tatsache ist: Man hat ja keine Ahnung. Man weiß gerade noch vom Hebammenmangel und dass Hebammen eben bei einer Geburt dabei sind. Aber danach hört es ja bei den meisten von uns schon auf, wenn man keine Erfahrungen aus erster oder zumindest zweiter Hand hat.

Umso interessanter ist es, in diesen so alltäglichen und doch ungewöhnlichen Beruf hineinzuschnuppern. Und in insgesamt 49 Folgen schreibt Böhler auch wirklich über alles. Von unentdeckten Schwangerschaften über Frühchen bis hin zu überaus ambitionierten Vätern. Dabei gibt es Lustiges wie Schamhaartrends und komische Tattoos, aber auch unheimlich Bewegendes wie eine stille Geburt.

Leider war ich mit dem Entdecken mal wieder spät dran. Nach einem Jahr verabschiedete sich die Kolumnistin im Mai mit einem Rückblickstext, der zu meinem Einstiegstext werden sollte. Dafür startet nun eine neue Kolumne: In „Große Pause mit Frau W.“ wird eine Lehrerin jede Woche aus ihrem Alltag in einem bayrischen Gymnasium erzählen. Diesmal bin ich aber live dabei, soviel steht fest.

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