Das Lesen selbst in die Hand nehmen

Hat sich dein Leseverhalten durch die fortschreitende Digitalisierung verändert? Diese Montagsfrage stellte gestern Svenja von Buchfresserchen. Und mir geht es ähnlich wie ihr: Ja, hat es, denkt man. Und fühlt sich ertappt. Muss man aber gar nicht. Denn zum einen sind wir nicht allein. Und zum anderen kann man da Kunst draus machen.

Wir lesen nicht, wir scannen

Während ich Bücher aus Papier noch immer sehr intensiv lese, ist das Lesen am Bildschirm oder auf dem Smartphone tatsächlich ein ganz anderes geworden. Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen: Eye-Tracking-Studien ergaben, dass wir Internetseiten mit dem F-Schema erfassen (das so heißt, weil es so aussieht). Also erste Zeile, nächster Absatz, ganze Zeile, und dann nur noch Zeilenanfang, Zeilenanfang, Zeilenanfang. Es handelt sich somit eher um ein Scannen als um Lesen im Papier-Buch-Sinne.

Was einen zunächst vielleicht überrascht, ist auf den zweiten Blick eigentlich relativ logisch: Umso mehr Informationen verfügbar sind, desto mehr möchte ich erfassen, damit ich nichts verpasse. Sitze ich auf einer einsamen Insel und habe als Lesestoff nur die Bedienungsanleitung einer Mikrowelle, werde ich diese genauso intensiv lesen wie den ersten Band von Harry Potter. Mache ich dagegen den Browser auf, reihen sich schon nach drei Minuten zehn Tabs aneinander, weil alle Links spannend klingen. Da ist es zeitlich schon gar nicht möglich, sich jedem Text mit der gleichen Aufmerksamkeit zu widmen.

Es ist ein bisschen wie Buch vs. Zeitung: Für ein Buch nimmt man sich Zeit und schafft sich Ruhe. Wenn einen die Handlung packt, liest man es von vorn nach hinten durch. Dem Medium Zeitung begegnen wir da mit einer ganz anderen Haltung. Wir blättern, lesen die Überschriften, hier und da den ersten Absatz und erst dann – wenn noch Kaffee da ist – ein paar komplette Artikel.

Dann machen wir eben Kunst draus

Nur die ersten Worte einer Zeile lesen – das erinnert mich an die Fotoserie Gesang in finsteren Wäldern von Konrad Mühe, die derzeit gerade in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen ist. Der Künstler fotografiert die Randzonen der Textblöcke aus Büchern. Und zwar so, dass der Ausschnitt ein eigenes kleines poetisches Bild ergibt.

Was für eine wundervolle Idee! Das wollte ich sofort selbst ausprobieren und schnappte mir mein Märchenbuch. Und siehe da:

Zähne knistern, knackste der Fichte

Solch schöne Worte finden sich am Rand von Väterchen Frost. Und in König Drosselbart steckt die gesamte Problematik der Geschichte (hier findet ihr eine Zusammenfassung des Inhalts) im linken Bildrand:

König Drosselbart

Und jetzt kommt’s: Auf der Suche nach ähnlichen poetischen Bildern habe ich die Textränder von drei Romanen gescannt – und dabei tatsächlich einen guten Eindruck des jeweiligen Inhalts bekommen. Statt uns ertappt zu fühlen, dass wir im digitalen Zeitalter mehr scannen als lesen, sollten wir also stolz darauf sein, dass unser Gehirn in so kurzer Zeit so viele Informationen aufnehmen und diese für sich zusammensetzen kann.

Es gibt kein „gutes“ und „böses“ Lesen

Ihr habt diesen Text bis hierhin komplett gelesen? Wunderbar! Ihr habt nur die Überschrift gelesen, die Bilder angeguckt und seid dann zu diesem letzten Absatz gesprungen? Auch super! Das Wichtigste beim Lesen ist doch letztendlich, dass man sich hinterher informiert oder unterhalten fühlt. Oder was meint ihr?

9 Antworten auf „Das Lesen selbst in die Hand nehmen“

    1. Ja, nicht? Das habe ich auch gedacht, als ich die Fotos in der Kunsthalle entdeckte – so eine simple Idee, so eine schöne Wirkung. Wenn man ein bisschen sucht und Glück hat.

    1. Jaaa, eine poetische Schatzsuche! Ein toller Vergleich! Und doch, deine Fundstücke sind auch ganz toll – und mit Wachspüppchen und Zuckerwerken starte ich nun in den Tag. Vielen Dank fürs Mitmachen!

  1. Schöner Schreibstil und eine tolle Idee! Ich nutze das F-Schmema bei Zeitungen und Blogs (auch bei diesem), aber es fällt mir schwer. Ich habe Angst, etwas zu überlesen und ich denke, man kann den Stil schwer erfassen, wenn man nur querliest. Andererseits lohnen manche Artikel das lesen nicht…

    1. Hallo Evy, vielen Dank! Ich überlege gerade … vielleicht muss ich das für mich auch noch differenzieren: Ich scanne vor allem Blogartikel, wenn es um reine Informationen geht (mit welchem HTML-Tag mache ich Fußnoten, was sind nützliche Tipps fürs Schreiben im Web etc.). Sobald es aber um persönlichere Blogs geht, lese ich oft auch den kompletten Artikel von vorne bis hinten durch. Zum Beispiel deinen Artikel zur Blogger-Sommerloch-Aktion:
      http://evyswunderkiste.blogspot.de/2016/08/aktion-wir-stopfen-das-sommerloch-mit.html
      Das ist wirklich eine tolle Idee, ich freue mich schon aufs Mitlesen! :)
      Viele Grüße, Carina

  2. Obwohl ich jenseits von „echten“ Büchern auch häufig die F-Methode verwende (unbewusst und ohne den Begriff zu kennen bisher), habe ich deinen Text nach T-Art gelesen (T für traditionell, mit einem Becher Tee dazu). Das mache ich bei deinen Texten fast immer, seit ich deinen Blog entdeckt habe, da mir dein Stil wie deine Inhalte ausnehmend gut gefallen.
    Die hier vorgestellte Methode, F-KUNST zu schaffen, finde ich witzig und anregend. In Tagen, die zu unruhig sind für Versenkung in eigene Kreativität, ist das vielleicht auch ein tröstende Ersatz.
    Gruß
    Ule

    1. Hallo Ule, wie schön, dass dir meine Texte gefallen!
      Die T-Art, Texte zu lesen, klingt sehr gut. Wie gesagt, viele Blogartikel, in denen es um Unterhaltung und nicht um reine Information geht, lese ich auch komplett. Schön, dass wir da jetzt gleich noch ein Wort dafür haben: die T-Art! Traditionell und mit Tee! Herrlich, vielen Dank für diesen tollen Begriff ;)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*