Danke, liebe Zeit der CDs

Ich liebe ja die Mari-Kondo-Methode zum Aufräumen, bei der man jedes Ding in die Hand nimmt und sich fragt, ob es einen glücklich macht. Wenn man damit einmal durch ist, hat man eine schöne, minimalistische Wohnung, in der jeder Gegenstand seinen Platz hat. Allerdings bleibt es dann ja nicht für immer so. Zum einen schaffen es immer wieder neue Dinge in die Wohnung. Zum anderen verändere ich mich ja auch. Nicht alles, was mich bei der letzten großen Aufräumaktion zu Beginn meines Sabbaticals glücklich gemacht hat, tut es das auch heute noch.

Etwa einmal im Jahr rappelt es mich deshalb und ich setze die ganze Wohnung auf den Prüfstand. Das kann man gut im Frühjahr machen – alles neu macht schließlich der Mai. Aber noch besser passt so eine Aktion eigentlich in den Herbst. Kurz bevor man sich monatelang mit Tee und Decke vor der auf Fünf gedrehten Heizung verschanzt. Da will man es drinnen ganz besonders schön haben.

Letztes Wochenende war es mal wieder so weit. In meinem neuesten Aussortierhaufen tummeln sich unter anderem eine Sporttasche, eine Digitalkamera und ein roter Lippenstift. Weil ich kein Fitnessstudio mehr besuche, jetzt ein Smartphone habe und eigentlich noch nie Lippenstift benutzt habe, aber irgendwie dachte, dass man damit geschminkt aussieht, ohne sich schminken zu müssen.

Danke, lieber altersschwacher Laptop

Außerdem habe ich mich von meinem weißen Laptop getrennt, der sieben Jahre mit mir durch dick und dünn gegangen ist. Auf dem ich Hausarbeiten geschrieben, mich bei studiVZ angemeldet und „Wer wird Millionär?“ auf RTL Now geguckt habe. Er ist etwas altersschwach geworden, hat lange gebraucht, um morgens in die Gänge zu kommen und laut gekeucht, wenn ich zwei Fenster auf einmal aufmachen wollte. Ein paar Altersflecken hatte er auch, hauptsächlich von Suppe und Kaffee.

Ganz wie Mari Kondo es empfiehlt, habe ich mich, bevor ich den Laptop weggeben habe, bei ihm bedankt. Danke Laptop, für die schöne Studienzeit. Nun ist er weg und mit ihm auch meine letzte Möglichkeit, CDs abzuspielen. Das ist nicht so schlimm, weil ich seit 12 Jahren keine CDs mehr habe. Im Zuge meiner ersten persönlichen Digitalisierung habe ich sie alle einzeln mit dem Media Player auf meinen damaligen Laptop „überspielt“.

O du wunderbare Zeit der Stereoanlage

Seitdem habe ich diese Alben aus meiner Jugend so gut wie gar nicht mehr gehört. Das mag daran liegen, dass neue Musik hinzugekommen ist und ich auch nicht mehr das Verlangen habe, zum Titanic-Soundtrack zu weinen oder zu DJ Bobo zu tanzen (obwohl, letzteres stimmt nicht ganz). Aber ein Album auf einem Bildschirm anzuklicken ist auch nicht das Gleiche wie eine bunte CD-Hülle aus dem Haufen auszuwählen, sie mit dem Druck zweier Finger zu öffnen, die CD aus dem widerspenstigen Plastikhaltering zu ziehen, sie behutsam auf die ausgefahrene Lade meiner schwarzen Stereoanlage zu legen und auf die Play-Taste zu drücken.

Meine Stereoanlage im Profil, ca. 1999

Die Lade fuhr sich dann automatisch ein und aus den Boxen ertönten die Stimmen von Xavier Naidoo, Echt oder Freundeskreis. Mit der Fernbedienung stellte ich das Ganze sofort auf „Repeat“. Während ich Hausaufgaben machte, mit meiner Freundin quatschte oder Zeitschriften las – die Musik war immer an. Ich liebte meine Stereoanlage sehr, denn sie hatte nicht nur zwei Kassettendecks und eine Radio-Funktion, sondern war gleichzeitig auch mein erster CD-Player.

Ich war in der sechsten Klasse, als mein alter Kassettenrekorder ausgedient hatte und ich mir diese Stereoanlage wünschte. Weil ich es nicht mehr abwarten konnte, ging ich mit meiner Freundin Gina in den CD-Laden an der Berliner Straße und kaufte mir gleich mal die CD von Blümchen, „Herzfrequenz“. Da Gina schon einen CD-Player hatte, gingen wir zu ihr und hörten sie uns an. Bevor ich nach Hause musste, bat ich sie noch, die CD zurückzuspulen, damit sie dann wieder auf Anfang ist, wenn ich sie das erste Mal in meine neue Anlage einlege …

Deshalb sage ich jetzt nicht nur Danke zu meinem Laptop mit CD-Laufwerk, sondern auch Danke an die Zeit der CDs, die meine Jugend begleitet hat, Danke Alben aus Pappe, die sich ganz besonders schick anfühlten, Danke Booklets mit Songtexten, die es einem erlaubten, noch ein bisschen souveräner mitzusingen, Danke Compilations wie Bravo Hits und Kuschelrock für eine tolle Mischung und Danke, liebe Stereoanlage, dass du so viel „Repeat“ ausgehalten hast.

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