Wie ich mein Sabbatical verbrachte – Teil II

-> Hier geht’s zu Teil I

5. Ausprobieren

Was wollte ich denn noch schon immer mal machen, fragte ich mich. Ich mag Bücher, sehne mich aber auch nach etwas Praktischem, Sinnvollem … Buchbinden! Beim Buchbindeworkshop lernte ich, was eine Ahle ist, wie viele Löcher man für welche Bindung in den Falz piekst, dass Leim schneller an den Fingern trocknet, als man „Buchdeckel“ sagen kann, und was für tolle große Maschinen es zum präzisen Schneiden oder zum Pressen eines Buchblocks gibt. Und ein Wochenende später gleich noch, was Siebdruck ist. Das steht in Museen oft an den Werken und darunter konnte ich mir immer nichts vorstellen. Jetzt habe ich mit dieser Technik selbst ein paar Buchdeckel in den Siebdrucktrendfarben Neonpink und Neonorange gedruckt.

Dabei habe ich viel gestaunt, aber dann wollte ich doch wieder an meinen geliebten Schreibtisch, zu meinen Büchern. Und zu den Sprachen – ich wollte schon immer mal wissen, wie Niederländisch ausgesprochen wird. Denn geschrieben versteht man ja recht viel … eine Woche lang lernte ich intensiv, bei welchen Buchstabenkombis die Niederländer „ch“ aus vollem Rachen sagen und dass quasi alles „lekker“ ist, auch wenn es nur schön aussieht oder Spaß macht. In Den Haag spielte ich dann die Niederländerin und sagte selbstsicher „Ja“ auf die Frage der Kassiererin im Buchladen, die ich leider nicht so ganz verstanden hatte. Woraufhin sie mir mein neues Buch als Geschenk einpackte … So schenkte ich es mir selbst und packte das Buch abends im Hotelbett aus – zusammen mit ein paar Stroopwafels.

6. Genießen

Apropos Stroopwafels – wie sehr man den Tag genießen kann, wenn man einfach mal tun kann, was man will! Wenn auch alle Zeiten ausgehebelt sind, so dass man sich montagvormittags mit einer Freundin, die noch studiert, im Café am Fürstenplatz treffen kann, drei Stunden frühstückt und danach noch einen Milchkaffee nimmt. Oder mittwochs um eins ins KIT Café, zwischen all die Business-Luncher, die bald wieder zurück in ihre Türme gehen, während wir sitzen bleiben, mit dem Blick weit über den Rhein, und Pläne für die Zukunft schmieden. Ideen zulassen und verwerfen. Und Kuchen zum Mittag essen.

So sehr ich jeden Tag etwas erleben, aktiv sein wollte, so dankbar war ich auch immer wieder, dass da eine Zeit lang einfach der Druck weg war. Heute nichts geschafft – na und? Man sieht ja auch nicht immer gleich, was wozu gut ist. Vielleicht bin ich einen Tag ziellos durchs Internet gesurft, dafür habe ich eine tolle Youtuberin entdeckt oder den letzten Anstoß bekommen, auch einen Blog zu starten. Vielleicht saß ich den ganzen Tag in einem Café rum, aber hatte eine wunderbare Zeit mit einer Freundin. Egal was in einem Jahr sein wird, das habe ich mir immer wieder gesagt, ich bin gerade so glücklich und dankbar – und das kann mir keiner mehr nehmen.

7. Bewerben

Nach etwa drei Monaten war ich alle kleinen Projekte, die ich vorher im Kopf gehabt hatte, angegangen und hatte sie entweder realisiert oder verworfen. Jetzt bekam ich Lust, mich so langsam wieder auf dem Arbeitsmarkt umzusehen und zu schauen, was es da Spannendes zu entdecken gab. Ich ging die Sache schön vorsichtig an, setzte mich in die Mayersche Buchhandlung, blätterte durch den Fotoband „Die Berlinerin“ mit Porträts und Fragebögen Berliner Frauen und guckte, was die so für Jobs machen. Als das nichts brachte, versuchte ich das andere Extrem: Stellenanzeigen aus dem Fundus der Arbeitsagentur. Dann tummelte ich mich auf Seiten mit der Überschrift „Geisteswissenschaften – und was wird man damit?“.

Ich begann, Bewerbungen zu schreiben und mich mit jedem Klick auf „Senden“ sofort komplett in parallele Leben hineinzudenken: Ich werde Untertitlerin beim WDR in Köln! Ich werde Archivarin in der Sammlung von Emil Nolde! Ich werde Dozentin an der Uni Osnabrück und schreibe eine Doktorarbeit! Ich will meine Ruhe und werde Sachbearbeiterin in einer Verwaltung! Ich werde Content Managerin in einer Werbeagentur! Zurück kamen eine Menge Absagen. Aber auch immer wieder die Erkenntnis: Irgendwie ist das gar nicht schlimm, so richtig doll wollte ich diesen Job ja nicht. Erstaunt beobachtete ich, wie ich mich trotzdem immer wieder für die neuen Themen begeistern konnte. So habe ich mich mit Korpuslinguistik beschäftigt, Twitter ausprobiert, HTML-Tutorials bei Youtube geguckt und alles über Content Marketing gelesen.

8. Chancen ergreifen

Was irgendwie immer da war: Ich liebe es, an Texten zu fummeln. Eine Freundin fragte mich, ob ich die Masterarbeit ihres Bruders korrigieren könne – da war ich wieder in meinem Element. Mein Schwiegervater hatte sein drittes Buch geschrieben, auch das durfte ich wieder lektorieren. Gut, dass ich es liebe, Lektorin zu sein, wusste ich auch schon vorher. Nur gab es kaum feste Stellen für Lektoren und wenn, dann nur Teilzeit und die immer gleichen Textsorten … Außerdem wollte ich mich ja auch noch um meine eigenen Schreibprojekte kümmern und Blogartikel schreiben.

Als mich dann ein Freund fragte, ob ich für das Unternehmen, in dem er arbeitet, Texte lektorieren könne, kam mir zum ersten Mal der Gedanke: Was, wenn ich mich selbstständig mache? Was, wenn das nicht heißt, „alles selbst zu machen und ständig zu arbeiten“, wie immer alle sagen? Wenn es nicht absolute Armut bedeutet? Ich könnte weniger konsumieren, weniger Geld ausgeben und deshalb auch weniger arbeiten müssen. Ich könnte viele verschiedene Projekte machen – für Geld oder einfach nur, weil ich Lust darauf habe. Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst, sagte die gleiche Stimme, die nicht gewollt hatte, dass ich meine unbefristete Stelle aufgebe. Ich antwortete ihr dasselbe wie vor einem Jahr: Lass es mich zumindest versuchen. Und machte mich als Lektorin selbstständig.

4 Antworten auf „Wie ich mein Sabbatical verbrachte – Teil II“

  1. Endlich habe ich es geschafft deine beiden Blogartikel zu lesen. Das klingt ganz wunderbar, erfrischend und ermutigend! Danke!

    Bedingt durch meinen eigenen Blog interessiert mich natürlich wie für dich das erste Jahr der Selbstständigkeit war. Vor allem auch, weil ich selbst fünf Jahre lang selbstständig war und tatsächlich lange an der Armutsgrenze gelebt habe. Du klingst deutlich beschwingter und positiver!

    1. Hallo Jenny, das erste Jahr Selbstständigkeit verging wie nix und ich bin tatsächlich immer noch beschwingt und positiv. :) Dazu kommt auf jeden Fall auch bald noch ein Text. Viele Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*